Sprüche
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A wie...

 

Aas

Ehemals belebtes Nahrungsmittel nach dem Überwechseln in den unbelebten Zustand. Aas gibt es in Dosen, in Scheiben, in Alufolie oder Plastikhäuten, in freier Natur und in Aspik. Ein aufmerksamer Beobachter findet es überall. Es liegt am Wegrand, hinter den Wartehäuschen an Bushaltestellen, neben überquellenden Biotonnen und auf dem Standstreifen stark befahrener Überlandstraßen. Aas ist in beinahe jedem Aggregatzustand schmackhaft, nahrhaft und bekömmlich. Darüber hinaus dient es dem Hobbyjäger als wichtiges Hilfsmittel beim Ansitzen im Stadtpark. Durch sorgfältiges Wälzen über die Körperbehaarung verteilt, überdeckt gut abgelagertes Aas den eigenen Körpergeruch. Welches Kaninchen erwartet schon von einem toten Fisch angesprungen zu werden? Die einzige Gefahr im Umgang mit Aas besteht in der Entdeckung durch homo sapiens.

Aasfresser

1. Pseudowissenschaftliche Bezeichnung für zivilisierte Gattungen, die ihr Essen nicht bei lebendigem Leibe verschlingen.

2. Ein Schimpfwort, das homo sapiens zu brüllen pflegt, wenn er einen Haushund bei der natürlichen Nahrungsaufnahme im Freien beobachtet. Die Verwendung des Begriffs beruht auf einem schwerwiegenden Irrtum des Menschen über die Beschaffenheit des Inhalts seiner Kühlschränke und Gefriertruhen.

Allergie

Übersteigerte Reaktion des Immunsystems auf bestimmte Eiweiße und eiweißähnliche Verbindungen. Eine der Hauptursachen für das Auftreten von Allergien liegt in übertriebener Hygiene während der ersten Lebensjahre, weshalb Hunde vor solchen Erkrankungen relativ sicher sind. Tritt dennoch beim wiederholten Kontakt mit homo sapiens eine Menschenhaarallergie auf, hat das meist tragische Folgen. Selten bleibt eine andere Möglichkeit, als sich von seinem Liebling zu trennen. Auch wer aus anderen Gründen keine Lust mehr auf seinen Menschen hat, kann sich an der Nachtpforte des Heims oder in der Umsonst-abzugeben-Ruprik der Lokalzeitung auf eine asthmatische Veranlagung berufen. Die Gesundheitsapostel in Funk und Fernsehen sind gerne bereit, ihm zu erklären, warum er deswegen kein schlechtes Gewissen haben muss.

Angstbeißer

Jeder noch so pazifistische Haushund wird im Laufe seines Lebens das ein oder andere Mal gebissen. Meist beruhen solche Auseinandersetzungen auf einem Missverständnis: Der eine Hund hat Angst, der andere auch, und Angriff ist die beste Verteidigung. In puncto Aggressionsverhalten unterscheidet sich der gemeine Haushund somit nicht im Geringsten von homo sapiens. Bei Betrachtung der letzten paar Jahrtausende Menschheitsgeschichte drängt sich sogar die Frage auf, warum ausgerechnet die Hunde in der Öffentlichkeit an der Leine gehen und einen Maulkorb tragen sollen.

Apport!

[lat.]Bring [es] her! - Versuch des Menschen, seine Herrschsucht als Kulturpflege zu tarnen. Überdies völlig sinnlos: Die meisten Haushunde können kein Latein.

Arbeit

Ein Sammelbegriff für Tätigkeiten, denen homo sapiens existenssichernde Funktionen nachsagt. Ausgerechnet Jagen, Nestbau, Fortpflanzung und Brutpflege werden vom menschlichen Arbeitsbegriff jedoch nicht umfasst. Dies lässt vermuten, dass der arbeitende homo sapiens weniger den Erhalt seiner Existenz als den Erwerb einer auf Cocktailpartys gültigen Existenzberechtigung anstrebt. Beim Haushund handelt es sich glücklicherweise um ein sogenanntes Luxustier. Als solches ist er sogar unpfändbar und das sei ihm Existenzberechtigung genug.

Auto

Rollende Blechkiste, die homo sapiens nur in zweiter Linie zur Fortbewegung einsetzt, während sie vor allem dem symbolischen Austragen archaischer Rang- und Revierkämpfe dient. Der Haushund sollte möglichst frühzeitig klarstellen, dass jener Teil des Autos, der „Kofferraum“ genannt wird, schon aus semantischen Gründen ein Ort sein muss, an dem ausschließlich Koffer aufbewahrt werden. Der Hund hingegen findet seinen Platz auf der Rückbank. Dort erhöht er durch Meditation sein Körpergewicht und wird zu einem absolut unverrückbaren Materiehaufen, um den sich mitreisende Lebewesen und Gegenstände rücksichtsvoll gruppieren müssen. So schläft er friedlich, alle viere von sich gestreckt, bis sich am Grenzübergang ein verdächtiger Uniformierter unaufgefordert dem Auto zu nähern versucht.

Merke: Ist der Innenraum eines Autos erst schlammverkrustet und mit Haaren bedeckt, reist es sich umso angenehmer.

Badezimmer

1. Von innen verschließbare Zelle, in die homo sapiens sich zu wenig erforschten Tätigkeiten zurückzieht.
2. Gegenstand einer weit verbreiteten Hundeparanoia. In den Wahnvorstellungen des gemeinen Haushundes verfügt das Badezimmer über einen zweiten, geheimen Ausgang, durch den homo sapiens eines Tages das Weite suchen wird, um seinen treuen Begleiter für immer einsam und verarmt vor der Badezimmertür zurückzulassen. Wenn es sein muss, presst der Paranoiker seine Nase stundenlang unter den Türspalt, um sich laut schnaufend der Anwesenheit von homo sapiens im Inneren der Zelle zu versichern. Effektive Therapiemethoden sind leider bei heute unbekannt.

Beamter

Ein Wesen, das gerne schläft, kaum spricht, sich dumm stellt, wenn man etwas von ihm will, keine Arbeit braucht, um seinem Leben einen Sinn zu verleihen, überbezahlt wird, kein Streikrecht besitzt, seine Artgenossen für blöde Proleten hält und seinem Vorgesetzten Tag für Tag ewige Treue schwört, ist ... richtig, ein Haushund.

Begabung, schauspielerische

Die meisten homines sapientes gehen wie selbstverständlich davon aus, dass Tiere nicht lügen können. Obwohl es grob fahrlässig wäre, einen derart komfortablen Irrglauben zu stören, erlaube ich mir ein paar Bemerkungen zu diesem Thema.
Ein Wesen, das seit Tausenden von Jahren darauf angewiesen ist, sich wortlos mit dem Menschen zu verständigen, entwickelt notgedrungen ein umfangreiches Repertoire von Gebärden. Die Evolution hat uns eine Reihe von Gesichtsausdrücken zur Verfügung gestellt, in denen homo sapiens eine ihm vertraute Mimik zu erkennen meint, so dass er seine Vorstellungen nach Belieben hineinprojizieren kann. Ähnlich wie ein Schauspieler auf der Bühne ist der Haushund gezwungen, seine Gesten theatralisch übertrieben auszuführen, weil sein Mensch sich zwar nicht in räumlicher, wohl aber in geistiger Hinsicht meist in einigem Abstand zum relevanten Geschehen aufhält. Wenn also Trauer, Freude, Angst oder Melancholie in der hündischen Interpretation ein wenig ins Grimassenhafte tendieren, liegt das nicht an mangelnder schauspielerischer Begabung oder gar dem geheimen Wunsch, sich über homo sapiens lustig zu machen.
Ein Haushund, der sich auf eine Weise unter der erhobenen Hand eines Menschen zusammenduckt, dass jeder Beobachter flugs die Nummer des Tierschutzvereins ins Handy tippt, oder der Geschenke vom Format eines ausrangierten Tennisballs mit der Begeisterung eines Lotteriegewinners entgegennimmt, ist kein Lügner, sondern ein Künstler. Er verdient standing ovations und hoch dotierte Würdigungen im Rahmen einer internationalen Großveranstaltung. Bislang wurde dieser Teilbereich der Schauspielkunst von der Öffentlichkeit wenig zur Kenntnis genommen. Aber eines Tages hat die Menschheit genug von Heike Makatsch und Daniel Brühl. Dann werden wir sehen.

Begleit-, Wach- und Schutzhunde

Etwa vier Tage nach seiner Geburt stellt homo sapiens sich zum ersten Mal die Frage, was er einmal werden soll. Mit sechzehn will er es wirklich wissen, mit dreißig ist er etwas geworden, findet keine Arbeit oder mag jene nicht, die er hat. Beim Haushund ist das anders. Noch ist kein Fall bekannt, in dem einer von uns auf eine derartige Frage geantwortet hätte: Am liebsten Begleit-, Wach- und Schutzhund! Der gemeine Haushund gehört der Familie der Intellektuellen, die zum Dank für ihre bloße Anwesenheit ernährt und versorgt werden. Begleit-, Wach- und Schutzhunde haben hingegen den Fehler begangen, einer bestimmten Rasse anzugehören und sich nicht während der ersten Lebenswochen durch vorgetäuschte oder echte Dummheit zu disqualifizieren. Sie erhalten eine Spezialausbildung (->vgl. Schule, Hunde), springen anschließend als kläffender Idiot hinter dem Zaun des örtlichen Gebrauchtwagenhändlers herum (vgl. -> Kläffen) oder gehen ins Joch gespannt, um einen blinden Menschen durch die Stadt zu führen. Viel Bewegung an der frischen Luft und gutes Futter sind dem Begleit-, Wach- und Schutzhund zwar sicher. Dafür hat er aber alle Qualen des gewöhnlichen - sprich: menschlichen - Arbeitslebens zu ertragen. Der gemeine Haushund hält es lieber mit dem Ausspruch eines noch unbekannten Philosophen: Dasein heißt Hiersein.

Bellen

Lautäußerung des Haushunds, die homo sapiens für eine Art reduzierte Analogie zu seinem eigenen Verbalbemühen hält. Dabei übersieht er, dass sich der Haushund aus pragmatischen Gründen gegen das stimmhafte Sprechen entschieden hat und stattdessen über Gesten und Gerüche kommuniziert. Wie alle Wesen verwendet der Hund dabei ein mehr oder weniger hoch entwickeltes Zeichensystem, das vom Menschen als primitiv und beinahe nichtvorhanden eingestuft wird, weil er es nicht versteht. Im Gegensatz zum Nutztier bellt ein gebildeter Haushund noch nicht einmal an der Wohnungstür. Für die Ankündigung von Gästen verfügt homo sapiens über eine Klingel, auf Englisch bezeichnenderweise bell, und wenn ihm das nicht reicht, kann er sich einen Bewegungsmelder kaufen. Das Bellen des Haushunds dient vielmehr als Ventil für starke Gefühlsausbrüche bei der Katzenjagd oder der Zurechtweisung geistig minderbemittelter Artgenossen. Das Sprichwort von bellenden Hunden, die nicht beißen, entbehrt jeder Tatsachengrundlage. Schweigsame Intellektuelle verabscheuen Gewalt, während Kläfferproleten sich für nichts zu schade sind. Die Geschichte der Freundschaft zwischen Mensch und Hund ist gezeichnet von Fehlinterpretationen und Missverständnissen. Oder wie ich nach Meinung von homo sapiens sagen müsste: ['vaʊ'vaʊ].

Besitz

Nach Rousseaus Meinung ist die menschliche Gesellschaft entstanden, als es dem ersten homo sapiens in den Sinn kam, auf eine Sache zu zeigen und dabei zu rufen: Meins! Der Haushund unterscheidet sich vom Menschen durch seine anarchistisch-kommunistische Grundeinstellung: Er begründet keinen Besitz. Mein Spielzeug, mein Halsband, mein Magknochen, mein Napf und meine Decke, gehören nur deshalb mir, weil kein homo sapiens das versiffte Zeug anfassen will. Das ist kein Besitz, sondern Zubehör. Sollten die Tiere eines Tages beschließen, eine Gesellschaft zu gründen, empfehle ich, nach Frankfurt am Main zu fahren, auf das Gebäude der Europäischen Zentralbank zu zeigen und dabei zu rufen: Meins! Im Grunde würde ich aber davon abraten. Besitz macht nur Ärger.

Besitzer, Hunde

Streng rechtlich betrachtet ist der Hundebesitzer ein Eigentümer. Ihm kommt nicht nur die tatsächliche Sachherrschaft, sondern auch die volle Verfügungsberechtigung über seinen Haushund zu. Zwar lautet Paragraph 90a des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) in Satz 1: „Tiere sind keine Sachen.“ Satz 3 stellt jedoch fest: „Auf sie sind die für Sachen geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden.“ Nach einer einhelligen Auffassung ist Paragraph 90a BGB „eine gefühlige Deklamation ohne wirklichen rechtlichen Inhalt“. Oder anders ausgedrückt: Die Übersetzung einer inhaltsleeren Gefühlsduselei ins Juristische.

Immerhin sind seit Einführung dieser Vorschrift im Jahr 1990 Tiere nicht mehr als Sachen, sondern als „Mitgeschöpfe“ einzustufen. Ob man ein Mitgeschöpf weiterhin „du unverschämtes Ding“ schelten darf, ist noch nicht geklärt. Fest steht aber, dass die Beziehung zwischen Besitzer und Hund in rechtlicher Hinsicht nicht auf Freiwilligkeit und mitgeschöpflicher Zuneigung beruht, sondern, ich zitiere das Sachenrecht: auf dem Innehaben der Gesamtheit aller Rechte und Pflichten am Hund zur eigenverantwortlichen Nutzung durch den Menschen. Daraus folgt, dass homo sapiens den Hund gut füttern und betreuen muss, seine Steuern bezahlt und dafür haftet, wenn sein Haustier die Nachbarskatze hetzt oder mitten auf der Autobahn sitzt, um sich am Hinterkopf zu kratzen. Mehr bedeutet es eigentlich nicht. Jedenfalls nicht für uns Hunde.

Betteln

1. Weit verbreitetes Hobby des Haushundes, vergleichbar dem Rauchen und Saufen bei homo sapiens.

2. Erster Dan des Lass-Falln-Und-Gong, zu deutsch: Fremdbeherrschung durch Geisteskraft. Die genannte Bewegung hat sich einem gewaltfreien Einfühlen in die Naturkräfte zur Steigerung des persönlichen Nutzens verschrieben. Die physischen und psychischen Voraussetzungen sind dem Haushund angeboren. Außer einem lustvollen Empfinden für Abhängigkeitsstrukturen benötigt er bewegliche Augenbrauen, steuerbaren Speichelfluss, vibrationsfähige Nasenlöcher und eine hohe Stimme. Technisch einwandfreies Zusammenspiel dieser Grundbedingungen erzeugt den legendären Hundeblick, dem sich kein mental gesunder homo sapiens entziehen kann. Über die Frage, warum ein haariges Gesicht mit gewölbter Stirn, weißen Sicheln am unteren Lidrand und zuckender Nase einen Schlüsselreiz darstellt, der den Menschen zum Füttern zwingt, sollte dieser vielleicht einmal nachdenken. Stattdessen verbietet er dem Hund das Betteln, um die Trennlinie zwischen Schöpfung und Krone eisern aufrechtzuerhalten. Von derartigen Sublimationsversuchen sollte der Haushund sich nicht abschrecken lassen. Am Ende klappt es doch.

Biotonne

Etwas, das homo sapiens nicht braucht, wenn er einen Haushund hat.

Buddhismus

>>Du bist Buddhist<< ist nicht nur der kürzeste Schüttelreim der Welt, sondern auch ein wichtiger Grundsatz im Leben des gemeinen Haushunds. Grob gesagt, geht es um die Erlösung von einem leidvoll aufgefassten Dasein durch Eingang ins glückselige Nirwana. Es gibt Buddhisten, die ihre Weltanschauung mit dem folgenden Sinnbild veranschaulichen: >>Für Buddha bedeutet es Hohe Kunst des Reitens: Auf dem Sattel kein Mensch, unter dem Sattel kein Pferd.<< Sollte dieser Satz auf den ersten Blick keinen rechten Sinn ergeben, so liegt das nicht am Leser, sondern am Sinn. Nichtsdestotrotz hat der buddhistische Haushund eine Reihe von Merksätzen daraus entwickelt:
1. Die Hohe Kunst des Reisens: Auf der Rückbank kein Hund, rund um die Rückbank keine 45 Grad im Schatten (vgl.->Reisen).
2. Die Hohe Kunst des Restaurantbesuchs: Unter dem Tisch kein festgebundener Allesfresser, auf dem Tisch kein Bratengeruch (vgl.-> Omnivor,-> Restaurant).
3. Die Hohe Kunst des Riechens: Am Hals keine kurze Leine, drei Meter weiter keine läufige Hündin (vgl.-> Instinkt).
Diese Beispielkette ließe sich endlos fortsetzen. Der Buddhismus des Hundes findet eine Grenze wenige Zentimeter vor der eigenen Futterschüssel sowie im Radius von einigen Metern rings um Nachbars Katze, weshalb er auch eine >>örtlich begrenzte Weltanschauung<< genannt wird. Wer nicht auf asiatische Esoterik steht, kann sich auch für den -> Stoizismus entscheiden.

Chappi

Begriff, der sich vom bloßen Warennamen zu einer kulinarischen Allgemeinbezeichnung entwickelt hat. Chappi kann "Hundefutter" oder auch "schlechtes Menschenfutter" bedeuten, was bereits einiges über die durchschnittliche Ernährungslage des Haushunds aussagt. Der metonymische Gebrauch des Begriffs sollte allerdings unter Strafe gestellt werden. Es überschreitet eindeutig die Schmerzgrenze, wenn ein intellektueller Haushund, angebunden vor einem Supermarkt, vom vorbeikommenden Hundefreund mit den Worten angesprochen wird: "Na, wo ist denn der kleine Chappi?" Niemand kann auf eine derart dadaistische Anrede eine Reaktion erwarten. Deshalb verkneift sich der kluge Haushund die Gegenfrage: "Na, und wo ist denn der große Maggi?" und hüllt sich in buddhistisches Schweigen.

Comic-Hunde

Eine der Quizfragen, mit deren Hilfe homo sapiens bei Spielshows eine Million Euro gewinnen oder die Aufnahme in den diplomatischen Dienst schaffen kann, richtet sich darauf, wie viele berühmte Comic-Hunde die Welt zu verzeichnen habe. Da der Haushund ansonsten wenig zum materiellen Wohlergehen seines Menschen beitragen kann, soll wenigstens dieses Problem ein für allemal gelöst werden.

1. Idefix
Kleiner, weißer Haushund von der Sorte, die in öffentlichen Parks in Begleitung älterer Damen angetroffen wird und sich eigentlich weniger zum Römerbeißen als zum Weglaufen vor Nachbars Katze eignet. Der Name verweist auf eine idée fixe seines Trägers, der das Fällen oder Ausreißen von Bäumen nicht ertragen kann. Von Idefix kann der kluge Hund eine Menge lernen: Sei schweigsam und verfressen und nutze jede Gelegenheit, dich über homo sapiens lustig zu machen, wenn du zu internationalem Ruhm gelangen willst. Auf Arabisch heißt er Anidiks, auf Griechisch Skylakas, auf Isländisch Krilrikur und auf Englisch ausgerechnet Dogmatix. Wäre ich Umweltschützer im angloamerikaischen Kulturraum, würde mir das zu denken geben.

2. Struppi
Struppi heißt eigentlich Milou, gehört Tim, der eigentlich Tintin heißt, und vereint als Foxterrier, Alkoholiker und Sprücheklopfer alle Laster in sich, von denen ein gebildeter Haushund Abstand nehmen sollte. Zu allem Überfluss spricht er von sich selbst in der dritten Person und fungiert als Handlanger eines neurotischen Reporters, den er gelegentlich auf konventionelle Weise vor noch konventionelleren Gefahren rettet. Das Beißen in Löwenschwänze, Durchknabbern von Fesseln oder Ausstaffieren mit nicht standesgemäßen Kostümen gehört zu seinem Alltagsrepertoire. Zitat: >>Keiner der Gangster wird Struppi unter dieser furchterregenden Verkleidung erkennen!<< Schon damit disqualifiziert er sich so gründlich als Haushund, dass er hier nur zum Erreichen der richtigen Antwortzahl genannt wird.

3. Pluto
In der Planetenwelt ist Pluto ein Einzelgänger, der im Gegensatz zu allen anderen Teilnehmern des Sonnensystems außerhalb der ekliptischen Ebene liegt. Er wurde im Jahr 1930 entdeckt - genau zu der Zeit, als eine bräunliche, dünnschwänzige, jagdhundähnliche Comic-Figur ihren ersten Auftritt unter diesem Namen hatte. Pluto zieht mit verschiedenen Figuren der Disney-Serie um die Häuser, verzichtet im Gegensatz zu den auftretenden Mäusen, Enten und Katzen auf jede Anthropomorphisierung und muss deshalb, ganz wie ein Haushund im echten Leben, meist als Pausenclown herhalten. Das ist der Preis der geistigen Freiheit. Plutos Intelligenz, über die auf der zweifellos lustigsten Website der Welt (www.hundefeind.de) von Leuten gestritten wird, die eine Comic-Figur nicht von einem echten Hund unterscheiden können, zeigt sich schon an der Tatsache, dass er noch nie ein Internetforum besucht hat.

4. Snoopy
Snoopy ist ein Beagle mit Walter-Mitty-Komplex: Er träumt sich in fremde Leben hinein. Meistens ringt er als berühmter Pilot des Ersten Weltkriegs auf dem Dach seiner Hundehütte mit Baron von Richthofen alias >>Roter Baron<<. Insgesamt verkörpert er in seinen Tagträumen etwa hundert Persönklichkeiten, darunter Theodore Roosevelt, Beethoven und eine Fernsehantenne. Dazu ist Snoopy bibelsicher, und liefert sich mit seinem Menschen theologische Streitgespräche. In Gedanken, versteht sich.
Charlie Brown: >>Hör mich an, zu deiner Erbauung lese ich aus den Sprüchen Salomonis, Kapitel sechs, Vers neun. Wie lange, Bummler, willst du dort liegen? Wie lange, bevor du dich aus deinem Schlaf
erhebst?<<
Snoopy: >>Kapitel zwölf, Vers zehn: Einen guten Mann kümmert es, wenn sein Tier hungrig ist!<<
Davon kann sich jeder Haushund eine Scheibe abschneiden.

5. Rantanplan
Gehört formal zur seltenen Gruppe der Begleit-, Wach- und Schutzhunde. Er hat nämlich einen Job. Als Gefängnishund schläft er ständig, spricht nie, denkt, wenn überhaupt, nur ans Essen und lässt die Insassen entkommen, damit Lucky Luke sie wieder einfangen kann. Aufgrund dieser Arbeitsmoral ist er trotz der irreführenden Dienstbezeichnung der Spezies des intellektuellen Haushunds zuzuordnen. In jeder Sekunde folgt er der von Henry Ford geprägten Regel: Ich stehe nie, wenn ich sitzen kann, und sitze nie, wenn ich liegen kann. Darin, dass er überall als dümmster Hund der Welt gefeiert wird, liegt sein größter Erfolg. Wer klug ist, wird gebraucht, die Dummen haben Pause. Ratanplans wahre Geistesgröße offenbart sich in einer Szene, in der er in aller Ruhe auf den Bahngleisen sitzt, während ein Zug sich nähert und schließlich wenige Zentimeter vor seinen Pfoten mit kreischenden Bremsen zu stehen kommt. Ratanplan: >>Das ist der Sieg des trägen Gedankens über die bewegte Materie.<<
Womit wieder einmal eine Welterklärungsformel lanciert wäre.

6. Die richtige Antwort...
... lautet: fünf.

Darwin, Charles

1809-1882, Begründer der modernen Evolutionstheorie. Nach Darwin werden Entstehung und Wandel von Arten durch natürliche Selektion realisiert. Eine Art, die sich weder wandeln noch neu entstehen will, sollte derartige Theorien lieber ignorieren. Darwin war das fünfte Kind einer Landarztfamilie und hatte selbst zehn Kinder, von denen sieben überlebten. Wie er zu seinen Ideen kam, ist damit ausreichend erklärt. Siehe auch -> Fittest, survival of the.

Decke, Hunde

1. Dichter Belag aus Hundehaaren, der nach kurzer Zeit auf allen Lieblingsplätzen des Haushunds vorzufinden ist und die territoriale Souveranität des Hundes über die betreffenden Quadratzentimeter symbolisiert.
2. Großer Filzlappen, den homo sapiens über 1. wirft, um anzuzeigen, dass er der Einzige ist, der Teile seines souveränen Territoriums als Lehen vergibt. Nur komplexbeladene Hunde liegen unmittelbar nach dem Ausbreiten einer Hundedecke plötzlich an einem völlig anderen Platz. Denn die wahre Souveranität besteht darin, Souveranitätsgesten aller anderen Lebewesen gepflegt zu übersehen.

Denken

Kognitive Fähigkeit, die dem menschlichen Überlegenheitsgefühl als letztes Bollwerk dient. Damit homo sapiens sich als unangefochtener Herrscher des Planeten fühlen kann, muss er sich immer wieder seiner fundamentalen Ausnahmestellung gegenüber allen anderen Wesen versichern. Dass er im Gegensatz zu seinem Haushund auf zwei Beinen geht und in der Lage ist, mit seinen irgendwie anstößig geformten Fingern den Kühlschrank zu öffnen, ist ihm als Unterscheidungskriterium zu simpel. Mensch-Sein verlangt nach einem theoretischen Sockel, auch >> Geistesgeschichte << genannt.
Aristoteles hantierte noch mit dem >> Menschen als politischem Tier <<, was in Zeiten der Politikverdrossenheit als anachronistisch gelten darf. Bei dem Versuch, der Tierwelt durch Verwandtschaft mit dem Göttlichem zu entkommen, übersahen die Christen, dass den Haushund eine frappierende Familienähnlichkeit mit erheblich älteren Göttern verbindet. Homo faber musste darüber hinaus erkennen, dass sogar Kakadus und Otter in der Lage sind, ein Werkzeug zu verwenden. Im Kommunikationszeitalter schließlich mühen sich hoch bezahlte Forscher mit der Entschlüsselung von Walgesängen, und der Tag, an dem sie ihr Ziel erreichen, wird sicher der letzte sein, an dem Supermärkte Thunfisch in Dosen verkaufen. Im Grunde aber weiß längst jeder, dass auch Tiere über komplexe Sprachsysteme verfügen - sonst würden Wissenschaftler für die Decodierung nicht so lange brauchen. Was bleibt? Die Gedanken sind frei, denkt sich der Mensch, und sollen deshalb ihm allein gehören. Er definiert >> Denken << als die Befähigung, aus Vorstellungen, Erinnerungen und Begriffen eine Erkenntnis zu formen. Erkenntnis wiederum, erkennt der Mensch, ist Vernunftsache und homo sapiens schon dem Namen nach ein Vernunftbegabter. Fertig ist die Vorherrschaft.
Nun hat aber selbst der vernagelste Haushund eine Vorstellung davon, was es beispielsweise heißt, wenn sein Mensch eine Reisetasche packt (vgl. hierzu -> Tasche, Reise). Er erinnert sich an die letzte unklimatisierte Autofahrt nach Süditalien und macht einen Begriff vom Bedeutungsgehalt der Aussage >> Hör auf zu nerven und steig ein <<. In der Erkenntnis, dass er an seinem Schicksal nichts ändern kann, kriecht er ins Auto und verfällt in buddhistische Duldungsstarre. Woraus folgt: Cogito ergo Hund. Der differenzierungssüchtige homo sapiens sei getröstet mit dem Leitspruch einer ostdeutschen Brauerei: Der Unterschied zwischen Mensch und Tier / ist immer noch ein schönes Bier.

Diät

Krankenkost, auch: Schonkost. Die auf die Bedürfnisse eines Kranken oder Rekonvaleszenten abgestimmte Ernährungsweise.
Schon aus der amtlichern Definition ergibt sich, dass eine Diät für den gesunden Haushund völlig ungeeignet ist. Die durch Schonkost zu kurierende Krankheit besteht eigentlich darin, dass homo sapiens seine eigenen Wünsche, Gefühle und Idealvorstellungen im Zuge einer schizoiden Abspaltung auf das hündische alter ego projiziert. Deshalb sagt er nicht: >>Herrgott, ich bin zu fett<<, sondern: >>Hund, wir brauchen eine Diät.<< In pathologischen Fällen lautet die Äußerung: >>Hund, was du brauchst, ist eine
Diät!<<
Da das Fasten ohne ärztliche Kontrolle erhebliche Gefahren mit sich bringt, ist es als Körperverletzung einzustufen, die den Haushund zur Notwehr berechtigt. Er sollte nicht zögern, schon im Anfangsstadium der sogenannten Diät das ganze Instrumentarium an Gegenmaßnahmen zum Einsatz zu bringen. Gleich am ersten Tag muss in der Nähe von Bushaltestellen oder Mülltonnen alles aufgenommen und verzehrt werden, was im Entferntesten an Essbares erinnert. Der verzweifelte Konsum von Grashalmen hilft beim Erbrechen auf den Wohnzimmerteppich. Am zweiten Tag geht der Haushund dazu über, vorbeigehenden Kindern die Schulbrote aus der Hand zu schnappen. Zu Hause wechseln Phasen des Kratzens am Kühlschrank mit solchen des Nagens an der mit Draht verschlossenen Futtertüte. Probanden berichten, dass ab zwei Uhr morgens auch Heulen vor der Speisekammertür oder das Ausschlecken einer leeren Konservendose auf den Küchenfliesen zum erfolgreichen Abbruch der Diät geführt habe. Zeigt homo sapiens am dritten Tag noch keine Reaktion auf die genannte Behandlung, sind gewaltsames Eindringen in Metzgereien sowie räuberische Erpressung am Döner-Stand geboten. Auch ein Schwächeanfall in der Fußgängerzone, möglichst neben dem Tapetentisch eines Tierschutzvereins, hat selten seine Wirkung verfehlt.
Das Ende seiner Erkrankung zeigt homo sapiens mit den Worten an: >>Hauptsache wir sind gesund<< oder >>Hauptsache, wir haben uns lieb<<. Ich wünsche allen Betroffenen viel Glück.

Dosenpfand

Staatliches Zwangssystem zur Beseitigung von Hundespielzeug aus dem öffentlichen Raum. Seit Einführung des Dosenpfands sind auf Straßen, Plätzen und Wiesen weder Colabüchsen noch Plastikflaschen auffindbar - und somit nichts mehr, das sich lautstark zusammenquetschen lässt und seinen Restinhalt auf umstehende Hosenbeine verspritzt, wenn man es begeistert schüttelt. Achtung! Pfandfreie Saftflaschen knirschen zwischen den Kiefern und sind schlecht für den Zahnbelag.

Du, du, du

Freiwillige Depravierung des menschlichen Sprachvermögens in der fehlgeleiteten Absicht, mit einer minderbegabten Intelligenzform zu kommunizieren. Mit >>du, du, du<< gibt homo sapiens zu verstehen, dass er die Normenkonformität des Haushunds während einer nicht weit zurückliegenden Zeitspanne in Zweifel zieht. In solchen Situationen empfiehlt es sich, weniger auf Verbalverirrungen als auf die erhobene Hand des Gegenübers zu achten.

Ego

Gott der Atheisten. Wie die meisten Götter verlangt Ego Opfergaben und Anbetung und verbringt viel Zeit nit dem Anwerben neuer Jünger. Weil er sich trotz aller Mühe nur auf einen einzigen verlässlichen Anhänger (d.i. er selbst) stützen kann, geht die Arbeit schlecht voran. Entsprechend ist Ego ein unzufriedener Gott. Er ist nicht dafür bekannt, bei schlechtem Wetter lange Spaziergänge in den Park zu unternehmen oder viel Geld für Kauknochen auszugeben, weshalb der menschliche Egoismus von religiösen Haushunden als gefährliches Sektierertum abgelehnt wird. Homo sapiens soll sich nicht selbst anbeten, sondern sich um seine Gläubigen kümmern.

Eid

Der Haushund unterliegt einer besonderen Treuepflicht, aus der sich eine Beschränkung der meisten Bürgerrechte, insbesondere des Rechts auf freie Meinungsäußerung, ergibt. Er hat den Instruktionen seines Vorgesetzten Folge zu leisten und darauf zu achten, dass Ruf und Ansehen seines Dienstherrn nicht gefährdet werden. Dafür wird er angemessen besoldet, wobei zu erwähnen ist, dass ihm weder Streik- noch Tarifrechte zustehen.
Nach Vorbereitungsdienst und Probezeit leistet der etwa sechs Monate alte Welpe einen Eid, der seinen Status als Haushund begründet. Dazu sieht er seinem Menschen fest ins Gesicht und vergegenwärtigt sich die folgenden Worte: >>Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle dieses homo sapiens widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, seine Regeln und die Hausordnung befolgen und gelegentlich auch mal Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Mensch helfe.<< Daraufhin gibt homo sapiens durch die Formel >>Was glotzt du so blöd?<< zu verstehen, dass er den Treueschwur annimmt und den Haushund von nun an als unkündbar betrachtet.

Entenjagd

Traditionsreiches, menschliches Jagdvergnügen, zu dessen Durchführung der Hund unverzichtbar ist. Mit etwas Glück kann homo sapiens eine Ente erschießen, aber bei dem Versuch, sie aus einem schlammigen Tümpel zu fischen, würde er sich lächerlich machen. Diese Aufgabe bleibt dem Nutztier vorbehalten. Seit die Entenjagd aus der Mode gekommen ist, hat der sportliche Haushund eine eigene Variante entwickelt. Er kauert mäßig gut versteckt am Rand des Stadtteichs und wartet aus das Einfallen eines Schoofs. Wenn die dummen Vögel gründelnd in der Entengrütze schaukeln, springt der Haushund hervor und ruft laut >>hopp!<<. Das genetische Kollektivgedächtnis meldet dem Schoof das Anbacken einer Entenflinte und den zu erwartenden Entenhagel, so dass sich das Federvieh schnatternd in die Luft erhebt. Mit einem Satz springt der Haushund in den Teich und schlägt im Wasser um sich, bis weit und breit keine Ente mehr zu sehen ist. Das ist ein Riesenspaß, bei dem niemand verletzt wird und weder Herr noch Hund durchs Dickicht preschen müssen, um gefiederte Leichen zu bergen. Trotzdem gibt es Ärger mit homo sapiens. Aber das ist nur Neid.

Enthusiasmus

Das Gegenteil von Coolness und damit eine Regung, die sich der wohlerzogene Haushund eigentlich nich erlauben sollte. Leider lautet die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs >>von Gott erfüllt<<, weshalb der Haushund geradezu prädestiniert ist für enthusiastische Gefühlsausbrüche (vgl. -> Religion). Mit wenigen Ausnahmen begeistert der Haushund schlichtweg alles, was sein homo sapiens unternimmt. Beim Kochen erzeugt er himmlische Düfte. Beim Baden kann mit etwas Geschicklichkeit vom geheiligten Wasser getrunken werden. Gartenarbeit ist ein lustiges Buddelspiel im Freien, und schlafend weckt der Mensch archaische Schutzinstinkte, die den Haushund veranlassen, einmal in der Stunde mit lautem Knurren verdächtige Bewegungen auf der Straße zu melden. Wie jeder Gott ist homo sapiens vom aufdringlichen Enthusiasmus seiner Jünger häufig genervt und ersinnt deshalb Rituale, um die permanente Verehrung sinnvoll zu kanalisieren. Durch die Einführung kultischer Gegenstände wird die Hinwendung des Gläubigen von der Person des Gottes abgelenkt. So gibt es Hunde, die enthusiastisch ihre eigene Leine, die Zeitung oder den Einkaufskorb tragen; andere besitzen ein großes Stofftier, das sie sich selbst um die Ohren hauen, während sie vor homo sapiens liturgische Tänze aufführen. Wer einmal einem Haushund dabei zugesehen hat, wie er sich beim Apportieren eines -> Stöckchens auf halsbrecherische Weise in jedes Gestrüpp, durch jeden Stacheldraht und von jeder Mauer stürzt, wird viel von dem Unbegreiflichen verstehen, das tagein, tagaus auf der Welt geschieht. Und wer im Anschluss daran beobachtet, wie der Haushund zu Füßen seines Herrn mit seliger Miene schläft, die Schnauze auf den unbequemen Stock gebettet, wird ahnen, warum sich die immer und überall von Enthusiasmus bedrohte Welt auch gar nicht ändern will.

Erziehung

Beliebtes Zwei-Mann-Spiel, bei dem die eine Partei versucht, praktische Details ihrer Weltanschauung auf die andere Partei zu übertragen. Wie bei allen Spielen gibt es Gewinner und Verlierer sowie verschiedene Schwierigkeitsgrade. Die antiautoritäre Erziehung schränkt die erlaubten Mittel so stark ein, dass sich der Erzieher zum Erzogenen verhält wie ein Steinmetz ohne Werkzeug zum Granit. Bei der autoritären Erziehung steht der Erzogene vor dem Erzieher wie eine Ameise vor dem Elephanten, nachdem sie höflich aufgefordert wurde, doch zur Seite zu treten. Weil der Spielverlauf in beiden Varianten vorhersehbar ist, haben sich homo sapiens und Haushund für eine spannende Mischform mit offenem Ausgang entschieden. Für den Haushund stellt seine natürliche Leidenschaft für Gehorsam und Regeln das größte Handicap dar, während homo sapiens durch sein äußerst empfindliches schlechtes Gewissen regelmäßig am Sieg gehindert wird. Innerhalb des beschriebenen Kräftegleichgewichts lassen sich viele spannende Manöver durchführen. Am Ende ist der Erziehungserfolg auf beiden Seiten gleich groß und ein kleines Stück mehr Gerechtigkeit in der Welt. Schlimm ist nicht, das Spiel zu verlieren. Schlimm wäre, es gar nicht erst aufzunehmen.

Europäische Union

Da der Haushund keine Banane ist, keine Zigaretten raucht und keine Beitrittsanträge stellt, ist er mit der Europäischen Union (EU) über lange Zeit hinweg kaum in Berührung gekommen. Das hat sich schlagartig geändert, als die supranationalste aller Organisationen den Reisepass für Tiere erfand. Das neue Dokument in EU-Blau ordnet den Verfasser unter der Nummer DE 04 9565501 der Federal Republic of Germany zu. Auf der ersten Seite starrt der Passinhaber verunsichert von einem Photo herunter und wird als black, dog, mix und male ausgewiesen. Ob der pflichtschuldige Steuerzahler nun auch in den Genuss von Unionsbürgerschaft, Arbeitnehmerfreizügigkeit und Wahlrecht kommt, ist noch nicht geklärt. außer diesem offiziellen Dokument besitzt der Haushund einen Mikrochip im Halsfleisch, der, ähnlich wie der Strichcode auf einer Konserve im Supermarkt, mit einem Scanner abgelesen werden kann. Was George Orwell dazu gesagt hätte, will ich lieber nicht hören. Trotzdem würde jeder Beamte des Innenministeriums heftig bestreiten, dass der Haushund ein billiges Identifikationsverfahren auf seine spätere Tauglichkeit für homo sapiens testet. Zum Dank erleichtert die EU dem Haushund die Einreise in ihre Mitgliedstaaten. Theoretisch jedenfalls. Dass noch kein Zöllner an der Grenze jemals einen pet passport gesehen hat, ist kein Zeichen von unbürokratischem Irrsinn, sondern hat mit der besonderen Form von Bürgernähe in der Europäischen Union zu tun.

Fellwechsel

Der Haushund hält es mit seiner Bekleidung nicht anders als homo sapiens: Der Winterschlussverkauf dauert so lange, bis der Sommerschlussverkauf beginnt, und umgekehrt. Sobald der junge Haushund von Kopf bis Fuß mit Fell bewachsen ist, beschäftigt er sich den Rest seines Lebens damit, es wieder abzuwerfen. Das hat lästige Folgen für homo sapiens, gegen die es zwei Mittel gibt: Bürsten und Staubsaugen. Beide wirken nicht. Wäre >>Der Mythos von Sisyphos<< nicht schon geschrieben, hätte irgendwann ein Haushund das Buch für seinen Besitzer erfasst. Homo sapiens muss lernen, dem Absurden und Sinnlosen ins Gesicht zu sehen und das Chaos als Beginn aller Freiheit zu begreifen. weil der Menschengott nicht genügend Felsbrocken und Steilhänge für alle zur Verfügung hatte, erfand er den Haushund und der Haushund den Fellwechsel. Deshalb ist jeder -> Kynologe auch -> Kyniker. Es gibt kein noch so haariges Schicksal, das nicht durch Verachtung überwunden werden könnte.

Fiffi

Ein französisches Ballettröckchen oder so ähnlich, umgangssprachlich auch: alte Perücke. Und Schluss.

Fitness

Die Fitness hat homo sapiens ersonnen, um mit ihrer Hilfe den darwinschen Überlebenskampf (siehe --> Darwin, Charles) zu simulieren, den er zuvor durch jahrtausendelange evolutionäre Anstrengung glücklich außer Kraft gesetzt hatte. Uns Haushunde geht das nur insoweit etwas an, als wir in die Auseinandersetzung zwischen homo sapiens und seinem eigenen Körper miteinbezogen werden. Gegen viel Bewegung an der frischen Luft ist nichts einzuwenden. Da diese aber erhöhten Energieverbrauch verursacht, sollte sie keinesfalls mit kalorienreduzierter Ernährung verbunden werden. Für den Umgang mit unerwünschten Folgen der Fitness vgl. --> Diät.

Fittest, survival of the

Häufig missverstandene Formel nach Darwin, die das Leben als Dschungelkampf begreift, in dem der Stärkste gewinnt. Das dahinter stehende Theoriengebäude mag auf begrenztem Gebiet eine gewisse Aussagekraft entfalten, zum Beispiel auf der Hundewiese, sofern Nero die Dogge oder Hannibal der Riesenrottweiler anwesend ist. Grundsätzlich jedoch ist der Haushund ein nicht nur von seiner Biologie determiniertes Wesen, sondern ein Geschöpf mit Kultur, Bewusstsein, Reflexionsfähigkeit und gesellschaftlichen Bindungen. Besonders die gesellschaftlichen Bindungen zu homo sapiens sind in der modernen Erlebniswelt von kaum zu überschätzender Bedeutung. Wer sich mit den Menschen gut stellt, wird bequem überleben, ohne im Mindesten fit zu sein (für Gegenbeispiele vgl. -> Diät). Gute Nerven und salonfähiges Benehmen sind viel wichtiger als kraftmeierisches Draufgängertum. Wer einmal im Steigenberger am Frühstückstisch gebettelt hat, weiß, wovon ich spreche (vgl. -> Betteln).

Freund, Hund

Der Hundefreund ist ein Mensch, der keinen Haushund, dafür aber ein großes Lager an Hunde-Leckerlis besitzt und ein stehendes Kontingent davon in seinen Manteltaschen mit sich führt. Erspäht er einen Hund wartend vor dem Supermarkt, unter dem Kneipentisch oder am verkaufsoffenen Samstagnachmittag zwischen sieben Einkaufstüten an der Seite eines homo sapiens, wirft er sich auf die Knie, fördert seine essbaren Schätze zutage und beginnt mit dem Schlachtruf >>Wie-alt-ist-er-denn-wie-heißt-er-darf-ich-ihm-was-geben<< den Haushund zu füttern. Der -> Besitzer des Hundes kann den Hundefreund nicht leiden. Letzterer geht nicht viermal am Tag spazieren, quält sich nicht mitten in der Nacht aus dem Bett, wenn der Hund Durchfall hat, zahlt keine Hundesteuer (vgl. -> Steuer, Hunde), steht stattdessen im Weg und redet debilen Unsinn über ein grundsolides Tier.
Außerdem soll der Haushund nichts von Fremden nehmen, weil er sonst das -> Betteln erlernt. Betteln kann der Hund zwar schon, denn das ist angeboren. Das Leckerli vom Hundefreund aber spuckt er trotzdem aus, weil es von ALDI ist und nach Sägespänen schmeckt. Angesichts solchen Verhaltens verdoppelt sich die Liebe von homo sapiens zu seinem Tier, während er es mit einem schadenfrohen Grinsen weiterzieht und den Hundefreund einfach stehen lässt. So befördert der Hundefreund die Freundschaft zwischen Mensch und Hund, obwohl das vom ursprünglichen Bedeutungsradius des Begriffs gar nicht umfasst war.

Fuß

1. Unterstes Ende vom Haushund in vierfacher Ausfertigung. Beim jungen Hund ein Mittel zur Vorhersage der späteren Körpergröße. Mir wurde mithilfe dieser Diagnosetechnik prophezeit, ich würde zum Format eines Neufundländers heranwachsen. Heute bin ich kniehoch und habe Riesen-Quanten. Es glaubt ja auch niemand an die Wettervorhersage.
2. Ein sogenannter dynamischer Befehl mit der Bedeutung: Halte dich ab jetzt in der Nähe meiner Kniescheibe auf. Der Haushund nimmt die Anweisung zur Kenntnis und legt sie dynamisch aus. Während der ersten zwei Minuten bedeutet der Befehl: zwanzig Zentimeter Abstand und Blickkontakt zu homo sapiens. In den folgenden drei Minuten: dreißig bis vierzig Zentimeter und Blick voraus. Danach vergrößert sich die Fuß-Distanz mit jeder Minute um fünfzig Zentimeter, bis der Hund wieder meilenweit vorausläuft, wenn möglich außer Hörweite.

Garten

Etwas, das homo sapiens unbedingt braucht, wenn er einen Haushund halten will. Ein Garten dient dazu, dem Hund das Betreten zu verbieten. Andernfalls würde sich das pflichtbewusste Haustier sogleich daranmachen, all die Tulpenzwiebeln aufzuspüren, die homo sapiens im Erdreich verloren hat, um sie zurück in die Wohnung zu bringen. Danach pinkelt der Hund an die Stachelbeeren, erschreckt plärrende Nachbarskinder oder versucht, durch das Graben nach Bodenschätzen zum Erwerb des täglichen Lebensunterhalts beizutragen. Aber wie der Name schon sagt, hält sich der Haushund ohnehin am liebsten in geschlossenen Räumen auf.

Gassi

1. Unrichtige Aussprache eines alternativen Begriffs für >> kleine Straße <<.
2. Törichte Bezeichnung eines Tatbestands, in dessen Verlauf homo sapiens seinen Haushund einmal am Tag an einer roten Schnippleine um die Baumscheibe vor seiner Haustür führt, um ihn daraufhin wieder in die Wohnung zu verfrachten. Merke: Jeder Assi geht Gassi - alle andern gehn - Wandern.

Gehorsam

1. Eine zu preußischen Zeiten beliebte Sekundärtugend.
2. Grundbedingung des Gesellschaftsvertrags zwischen Haushund und homo sapiens, der reibungsfreies Zusammenleben ermöglicht. Der Haushund begibt sich seines Naturrechts auf Kaninchenjagd, Dreckfressen und freie sexuelle Verwirklichung und erhält dafür ein beheiztes Schlafzimmer, regelmäßige Mahlzeiten und menschliche Zuneigung. Er lernt die Bedeutung der Befehle -> Sitz, -> Platz und -> Fuß und entscheidet auf Einzelbasis, ob er ihnen Folge leisten will. Es sind extrem differenzierte Fälle von Gehorsam bekannt, in denen ein Mensch seinem Haushund zuruft: >>Mach doch, was du willst!<<, und der Hund macht, was er will. Besonders kleine, pinkfarbene Pudel sind die größten Punker. Sie beißen den Briefträger, pinkeln in die Topfpflanzen, schlafen im Brotkorb und agieren in jeder Hinsicht als Vertreter einer postmodernen, nihilistisch-anarchistischen Lebensform. Schon ihre Frisuren sind ein fellgewordenes >>Anything goes<<, auch wenn ihre Besitzerinnen das mit Sichernheit bestreiten würden. Zügellose Hunde sind allerdings unglückliche Hunde. Hierin zeigt sich eine wichtige Gemeinsamkeit mit homo sapiens, der mit der Freiheit, für die er zweihundert Jahre lang gekämpft hat, auch nichts Rechtes anzufangen weiß.

Genick

Körperteil des Hundes, an dem er geschüttelt wird, wenn er etwas falsch gemacht hat. Irgendein naturverbundener Tierpsychologe hat herausgefunden, dass der Haushund seinen homo sapiens am besten versteht, wenn Letzterer in Gesten spricht, die dem Hund aufgrund seiner wölfischen Rudelvergangenheit vertraut sind. Dem Ansatz liegt die Vorstellung zugrunde, dass die Wolfmama ihr Wolfkind am Genick packt und schüttelt, wenn es den Sauerbraten vom Vorabend aus der Tupperschüssel gefressen hat. Mir steht es nicht zu, über die wissentschaftlichen Erkenntnismethoden eines homo sapiens zu urteilen. Deshalb möchtre ich nur meiner Erleichterung darüber Ausdruck verleihen, dass besagte Wolfmama ihr Wolfkind nicht mit einer von rostigen Nägeln gespickten Holzplanke verdroschen hat.

Geschäft

1. Etwas, vor dem der Hund wartet, während homo sapiens seine Besorgungen erledigt.
2. Etwas, vor dem homo sapiens wartet, während der Haushund seine Besorgung erledigt. Aufgrund der Verunsicherung darüber, wohin man inmitten menschlicher Zivilisatiion noch kacken darf, krümmt sich der Haushund zum Fragezeichen, während er in der Rosenrabatte vor dem Polizeipräsidium hockt. Dieser pantomimische Ausdruck eines kulturell hoch entwickelten Zweifels gegenüber der eigenen Triebhaftigkeit findet bei homo sapiens wenig Anerkennung. Obwohl gerade der Verständnis dafür haben müsste.

Haushund

Der wissentschaftliche Name des Haushunds lautet canis lupus forma familiaris, zu deutsch in etwa: der Wolf im Familienpelz. Was die lateinische Sprache uns damit sagen will, bleibt im Dunkeln. Jedenfalls etwas Angenehmeres als die Wendung homo homini lupus. Denn so viel steht fest: Von einem canis lupus cani lupo lupus hat noch niemand etwas gehört.

Heißgetränke

Kaffee ist ein koffeinhaltiges Heißgetränk. Tee ist ein theinhaltiges Heißgetränk, wobei Thein und Koffein, was die wenigsten wissen, dasselbe sind. Muckefuck bezeichnet nicht etwa eine Form der Sodomie mit Meerschweinchen, sondern ein Kaffegetränk, das aus fast allem, nur nicht aus Kaffeebohnen gewonnen werden kann. Für den Haushund hat es mit solchen Paradoxien nur eine Bewandtnis: Ein Mensch, der eine dampfende Tasse vor das Gesicht hebt, versonnen in die Flüssigkeit pustet und dabei herausfordernd den Ellenbogen abspreizt, stellt eine Provokation dar, der ein normal veranlagter Haushund nichts entgegenzusetzen hat. Er schiebt die Schnauze unter den abstehenden Arm und reißt den Kopf ruckartig hoch. Homo sapiens verbrennt sich die Finger, Hemd und Hose sind ruiniert, und der Tag ist gelaufen, bevor er richtig angefangen hat. wie bei vielen Riten liegt der Sinn des Spiels im Dunkeln.

Herrchen/Frauchen

Per definitionem sind Herrchen/Frauchen die Gebieter des Hundes. Die Verkleinerungsform als wortgewordene Kapitulation zeigt indes an, wie klein sich das Herrchen/Frauchen vor der gewaltigen Aufgabe der Haltung und --> Erziehung eines Haustiers fühlt. Statt dieser Tatsache durch Anschaffung eines Hündchens Rechnung zu tragen, folgen Hundehalter in spe bei der Auswahl ihrer neuen Lieblingsnervensäge einer anderen Regel: Je kleiner der Mensch, desto größer der Hund. Die beiden Bauernregeln >>Wie der Herr, so das Gescherr<< und >>Wie das Frauchen, so das Wauwauchen<< beweisen zwar anschaulich, dass man auch ohne jedes Sprachverständnis bleibende Sentenzen schaffen kann, sind jedoch empirisch nicht verifizierbar. Während mickrige Herrchen/Frauchen in der Regel von einem Ungetüm der Marke Rottweiler oder Dobermann begleitet werden, führen Bodybuilder, Mafiabosse und Auftragskiller einen knöchelhohen Handfeger an der Leine. Das lustvolle Unterlegenheitsgefühl des Gebieters gegenüber seinem Untertan mag ein psychologisch interessantes Thema abgeben. Mehr aber auch nicht, denn: vgl. --> Gehorsam, --> Regeln.

Hygiene

Eine der Gesundheit zuträgliche Kunst. Weil Tiere im Gegensatz zum Menschen weder ayurvedisches Essen noch die Kosmetikindustrie brauchen, um ihre Gesundheit zu erhalten, nimmt der Haushund täglich verschiedene hygienische Handlungen vor, die ihm der Instinkt diktiert. Dazu gehört das Grasfressen ebenso wie das Wälzen in schlammigen Pfützen, Baden im Ententeich, ausgiebiges Lecken der Genitalien und zeremonielles Erbrechen auf den Wohnzimmerteppich. Der zeitgenössische Mensch steht vor solchen Verrichtungen skeptisch gegenüber. Bis vor hundertfünfzig Jahren benutzte homo sapiens lieber Puder als Waschlappen, teilte das Bett mit einem ganzen Insektenstaat und wusch die Wunden verschiedener Patienten mit demselben Schwamm. Daran zeigt sich, dass Hygiene für den Menschen keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eine relativ neue zivilisatorische Errungenschaft. Heute ist seinem Verständnis nach alles sauber, was eine glatte Oberfläche aufweist und chemisch nach Tannennadeln, Erdbeeren oder Kokosnuss riecht. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum homo sapiens mit dem Ausruf "Hygiene muss sein!" alle paar Wochen versucht, seinen Haushund mit Bürste, Kamm und Shampoo in eine glatte, chemisch duftende Oberfläche zu verwandeln. Aus Ruhe niest ihm der Haushund bei jeder Gelegenheit ins Gesicht. Letztgenanntes Verhalten wird auch als "seelische Hygiene" bezeichnet.

Hypnose

Zweiter Dan des Lass-Falln-Und-Gong.
Über Stunden oder sogar Tage hinweg fixiert der Haushund seinen homo sapiens bei allen Bewegungen in der Wohnung, um ihn auf die Übernahme eines fremden Willens vorzubereiten. Mithilfe der Wiederholung des stummen Mantras >>gib-gern-gib-gern-gib-gern<< gelingt es ihm schließlich, Gewalt über das vegetative Nervensystem seines Menschen zu erlangen, bis dieser eine Dose Ravioli öffnet und sie mit der Bemerkung >>Hauptsache, du guckst endlich woandershin!<< am Futterplatz des Haushunds auf den Boden stellt. Erfahrene Hypnotiseure sollen es geschafft haben, homo sapiens zum Zubereiten und Servieren eines fünfgängigen Menüs zu veranlassen, ohne dass dieser sich hinterher an irgendetwas erinnern konnte.
Derartige Großleistungen sollten nicht gleich bei den ersten Versuchen erwartet werden. Ruft der Mensch mit erhobener Hand >>Was glotzt du dauernd so blöde?<<, muss das Experiment als gescheitert betrachtet werden. Wie bei allem gilt auch hier: üben, üben, üben.

Instinkt

Angeborene Reaktionsbereitschaft der Triebsphäre, die in einer zivilisierten Gesellschaft immer genau den falschen Impuls ausspuckt. Beugt sich ein großer fremder Mann im weißen Kittel über den kleinen schwachen Haushund, fordert der Instinkt unverzügliches Beißen in die ausgestreckte Hand. Lässt homo sapiens seinen Haushund vor einer Metzgerei warten, will der Instinkt reinrennen und einen Hirschrücken an sich reißen. Und wenn eine läufige Hündin vor der Nase des angeleinten Haushunds auf und ab scharwenzelt, meint der Instinkt: Scheiß auf homo sapiens, du bist sowieso stärker.
Jede der genannten Verhaltensweisen zieht Folgen nach sich, die das kleine Glück der Triebbefriedigung nicht annähernd kompensieren würde. Deshalb hat das Instinktwesen Haushund seine spontanen Wünsche in den seelischen Untergrund abgedrängt und sich in ein dreischichtiges psychologisches Tortenmodell verwandelt. Auch die meisten Menschen halten nacktes Rumhüpfen im Wald sowie zügelloses Fressen, Saufen und Kopulieren in Wahrheit für viel gesünder als dieses ewig anständige Verhalten, und so führt der Verlust instinktiver Handlungsbefugnis auch bei ihnen zu seelischen Störfällen, die Herr und Hund auf der Couch eines Psychiaters oder unter den Händen eines Naturheilkundlers auskurieren können. Nach Erhalt der Information, was eine Stunde Reiki für Hunde kostet, mag der Instinkt einwenden, es handele sich hierbei um bauernfängerische Quacksalberei. Aber, wie gesagt, wir haben gelernt, nicht auf die Stimme der --> Natur zu hören.

Intellektuelle

Untergruppe von homo sapiens, deren Vertreter jahrzehntelang in Kaffeehäusern herumsaßen, Tabakwaren aus Zigarettenspitzen rauchten und gegen Mittag mit dem Absinthkonsum begannen. Weil der Intellektuelle zudem körperliche Bewegung mied, kein Geld für Wurst hatte und das Tageslicht nur auf dem Weg ins Café oder beim Hereinholen der Milchflasche erblickte, eignete er sich denkbar schlecht als Hundebesitzer.
Durch eine überraschende Mutation hat die Entwicklung dieser Spezies eine Kehrtwende vollzogen. Der neue Intellektuelle besitzt Gummistiefel, kann einen Nagel in die Wand schlagen und anschließend mit einer Zange wieder herausziehen, kauft Häuser im Grünen und hält Tiere für die besseren Menschen. Aufgrund dieser Tatsache und seines unregelmäßigen, bürofeindlichen Lebenswandels ist der Intellektuelle zu Wunsch-homo-sapiens für viele Haushunde geworden. Zwar findet sich in seinem Auto statt einer Rolle Küchenpapier nur die Literaturbeilage der ZEIT, um Hundekotze von der Rückbank zu wischen. Dafür steht der Intellektuelle in seiner inneren und äußeren Haltung dem Haushund nahe, da niemand seinen praktischen Nutzen begreift und trotzdem jeder einsieht, dass er von Zeit zu Zeit gefüttert werden muss. Seit der Intellektuelle ein neues Objekt für sein von Politik und Gesellschaft abgezogenes Verantwortungsgefühl braucht, ist er pflegeleicht und zuverlässig. Er beschäftigt das arbeitslose Weltgewissen gern mit konfliktarmen Ernährungsfragen, meinungsneutralen Spaziergängen und ideologiefreier Fellpflege. Außerdem sind selbst Prachtexemplare billig zu haben. Es reicht vollkommen, ihnen am Strand eines griechischen Campingplatzes zwischen die Füße zu geraten, dabei ein Bein nachzuziehen und die Augen in stummer Unterwerfung nach oben zu drehen. Ihr werdet viel Freude haben.

Intelligenzquotient

Index, der das graduelle Vorhandensein kognitiver Fähigkeiten bei einem Lebewesen anzeigt. Da der Haushund ohne Daumen keinen Stift halten kann und deshalb nicht in der Lage ist, das aus dem Rahmen fallende Wort der Serie >>Katze, Hund, Pferd, Öltanker, Kanarienvogel<< durchzustreichen, hat er auch keinen Intelligenzquotienten. Das ist nicht weiter tragisch, weil das Nichtvorhandensein eines solchen Quotienten eine Menge Ärger erspart. Die -> Quantenphysik und -> Kant lassen sich auch ohne Intelligenzquotienten begreifen.

Ironie

Die Sprache der Ironen ist etwas, das Haustiere echt-gar-kein-bisschen-nicht-im-Geringsten verstehen. Wie Eltern über geplante Weihnachtsgeschenke vor ihren Kindern französich sprechen, redet homo sapiens vor dem Haushund gern ironisch. Hm, da hast du fein ins Wohnzimmer gepinkelt, riecht prima. Schön, dass du dich auf meinem Kopfkissen so wohl fühlst. Danke für die Hilfe beim Öffnen der Schmelzkäsepackung. Was homo sapiens nicht begreift: Der minderbemittelte Haushund nimmt die Ironen schlicht beim Wort. Und dabei sollten wir es belassen. Wer stumm zuletzt lacht, lacht definitiv am besten.

Irrtum

Irren ist menschlich. Hiermit ist zu diesem Thema alles gesagt.

Job

Etwas, das der Haushund nicht braucht.

Jockey

Das Lustige ist: Wenn der Haushund ein Pferd geworden wäre, so wäre homo sapiens nicht etwa der Jockey. Vielmehr wäre der Haushund Pferd und Jockey in einem, während homo sapiens als Rennstallbesitzer fungierte. Keine Ahnung, ob das etwas aussagt. Für einen Moment kam es mir so vor.

Jogger

1. Homo sapiens, der einen Hundespaziergang in erhöhtem Tempo unternimmt. Er trägt dazu spezielle Kleidung, die seinen cw-Wert verbessern soll, und verschließt die Ohren mit Kopfhörern gegen das Spottgelächter der Welt. Der Luftwiderstand des gemeinen Haushunds hingegen wurde bereits von der Evolution optimiert. Das und der Umstand, dass er schnell läuft, niemals müde wird, trotzdem an jeder Ecke auf homo sapiens wartet und kein Interesse an sinnlosen Waldweg-Zweikämpfen hat, machen den Hund zum optimalen Sparringpartner.
2. Homo sapiens, der sich selbst zur Jagd freigegeben hat. Er steckt seine Beine in pinkfarbene Wurstpelle, imitiert die Bewegungen eines flüchtenden Rehs und wundert sich darüber, dass ein Haushund die Verfolgung aufnimmt. Das Perfide an diesem Zusammenhang besteht darin, dass noch der kleinste Haushund mit einer Beinlänge von zehn Zentimeter schneller rennt als ein noch so olympisch gekleideter Mensch. Das wiederum bringt den Jogger zur Weißglut, weshalb ein kluger Haushund sich rechtzeitig daran erinnern sollte, dass Wurstpelle nicht laufen kann.

Journalismus

Der Begriff beschreibt die Angewohnheit des Menschen, möglichst schlechte Neuigkeiten in möglichst flächendeckender Form unter seinen Artgenossen zu verbreiten. Um dabei nicht in den Ruf eines unkenden Schwarzsehers zu geraten, schließt homo sapiens sich einer Institution an, die nicht die Ansichten ihrer Mitarbeiter, sondern geschlechtslose >>Fakten<< und >>Informationen<< verkündet. Auf diese Weise gelingt es, das für den sozialen Frieden notwendige Gefühl einer gesamtgesellschaftlichen Talfahrt sowie den Glauben an den unmittelbar bevorstehenden Untergang aufrechtzuerhalten. Für Haushunde hat der Journalismus erst Bedeutung, seit die Kampfhundhysterie den Teufel im Pudel wieder entdeckte, Ob Haushund, Taube, Moslem, Sonnenlicht, Rindvieh oder Einwegflasche - wer einmal zum Objekt journalistischer Themensuche wird, hat über Jahre hinweg nichts mehr zu lachen.
Da der Haushund im Gegensatz zu homo sapiens kein Rudelwesen ist und sich deshalb nicht ununterbrochen über das Leittierverhalten der Führungsetage informieren muss, genügt ihm die altmodische Wandzeitung. Dieses basisdemokratische Mitteilungsverfahren stützt sich auf olfaktorische Botschaften, die jeder Teilnehmer an ausgesuchten Hausecken lesen und hinterlassen kann. Eine Wandzeitung enthält Kleinanzeigen mit Partnerbörse, Such&Find und Ich-bin-neu-hier, dazu Lokalpolitik, Vermischtes und die Rubrik >>Wenn ich dich erwische<<. Wie bei einer Littfasssäule wird Schicht um Schicht aufgetragen, bis ein Regenguss die nächste Ausgabe eröffnet. Weil Tiere nicht lügen können, heuchelt die Wandzeitung keine Objektivität, sondern knüpft jede Nachricht an das berichterstattende Subjekt. Daher das Haushundsprichwort: Journalist ist einer, der viel frisst und dann an jede Ecke pisst.

Junk-Food

Was dem Menschen sein McDonald's, ist dem Haushund sein Pedigree: Die Zubereitung erschöpft sich im Aufreißen einer bunten Verpackung, innen befinden sich mehr Geschmacks- als Nährstoffe, nach dem Essen ist einem schlecht und zwei Stunden später hat man wieder Hunger. Dank des Kinostreifens >>Super Size ME<< weiß die Menschheit inzwischen, wie krank man von einem Monat Junk-Food-Zufuhr wird. Der Film unterdrückt die Tatsache, dass ein Monat politisch korrekten Karottenkuchens zu noch verheerenderen Mangelerscheinungen geführt hätte. Dafür bringt er Licht in einen weiteren psychischen Leichenkeller im Selbstverständnis von homo sapiens: Was der Mensch begehrt, stigmatisiert er gern als Teufelszeug. Danach macht das Trotzdem-Tun noch viel mehr Spaß, während man gleichzeitig seine Artgenossen mit Vorwürfen und Verboten gängeln kann. Für die gelb-rote Gefahr gilt indes das bewährte Gegemittel: Mach's gut, aber nicht zu oft. Man glaube einem, der sich quer durch die Futtermittelindustrie gefressen hat.

Knochen

Siehe --> Magknochen

Kofferraum

Der Begriff erklärt sich von selbst: Raum im Auto, der zur Aufbewahrung von Koffern dient. Zum Transport von Hunden völlig ungeeignet.

Köter

1. Norddeutsch für: Besitzer eines kleinen Bauernhauses (gebräuchlich seit dem 16. Jahrhundert).
2. Abwertende Bezeichnung für den Haushund, häufig als >>blöder Köter<< oder >>räudiger Köter<<. Die Verwendung derart minderwertigen Sprachmaterials fällt auf den Umlautfetischisten selbst zurück, so dass der auf diese Weise Angesprochene die Äußerung getrost überhören darf.

Kuchen, Hunde

Zur Kategorie des Hundekuchens gehören neben Apfeltaschen, Windbeuteln, Pflaumenkuchen, Quarkschnitten und Mohnschnecken auch die bekannte Schwarzwälder Kirschtorte sowie alle anderen Arten von zucker- und sahnehaltigen Teigstücken. Wenn jemand etwas anderes erzählt - einfach nicht zuhören.

Kynologe

Hundekenner. Kynos, griechisch: der Hund, Kynismos, griechisch: die Bissigkeit. Manchmal sagt Etymologie mehr als tausend Worte. Jedenfalls erklärt sie den Kitt, der Herr und Hund seit unvordenklichen Zeiten zusammenhält.

Lachen

Wenn Haushunde lachen könnten, kämen sie in ihrer Funktion als ständige Begleiter von homo sapiens den ganzen Tag nicht mehr aus demselben heraus. Deshalb hat die pragmatisch veranlagte Evolution entschieden, uns diese Fähigkeit vorzuenthalten. Ein Haushund, der die Mundwinkel hochzieht und die Zunge heraushängen lässt, lacht nicht etwa, sondern er schwitzt. Ruft ein Mensch bei diesem Anblick begeistert aus: >>Sieh nur, wie der sich freut!<<, könnte man das Lachen aus Versehen fast noch erlernen. Es ist zu komisch: Wohin homo sapiens auch schaut - immer blickt er in einen Spiegel. Und meint, das sei ein Fenster zur Welt.

Laufen

Laufen ist genauso schön wie Singen und Tanzen. Weil der Haushund weder singen noch tanzen kann, läuft er so oft wie möglich, wenn man ihn lässt. Hiermit ist die Frage beantwortet, warum der gleiche öde Spaziergang auf der gleichen öden Route auch beim eintausenddreihundertsiebenundvierzigsten Mal noch Glücksgefühle in ihm auslöst. Im Verlauf eines durchschnittlichen Hundelebens umrundet homo sapiens an der Seite seines Haustiers zu Fuß die Erde. Wir wollen hoffen, dass Hamsterräder in Haushundgröße auch in Zukunft das Fassungsvermögen einer durchschnittlichen Stadtwohnung übersteigen werden. Den Zuruf >>Schneller, Hund, der Fernseher flackert!<< will kein intellektuell veranlagtes Wesen jemals vernehmen müssen. Das Geheimnis des Glücks liegt im Fehlen von Zwecken, und das nicht nur bei Sonnenschein. Homo sapiens soll froh sein, dass sein Haushund ihn dreimal täglich daran erinnert.

Leine

Simpler, in Fachgeschäften zu überteuerten Preisen erhältlicher Kunststoff- oder Lederstrick, den homo sapiens am Hals seines Hundes befestigt, um sich von ihm durch die Welt führen zu lassen.

Lob

Homo sapiens ist ein Wesen, von dem man gelobt werden will. Alles, was ein Mensch für Geld tut, macht sein prämaterialistisches Haustier für ein bisschen Anerkennung, während ihn die Aussicht auf einen Euro niemals dazu verleiten würde, ein Stöckchen zurückzubringen oder sich an der Bordsteinkante hinzusetzen. Homo sapiens selbst pflegt als beginnender Postmaterialist die heimliche Überzeugung, dass nur eine Handlung, die nicht auf pekuniären Gegenwert gerichtet ist, etwas Großes und Schönes darstellen könne. Aus dieser Sicht kommt Pfötchengeben ein höherer moralischer Wert zu als der Führung eines Autokonzerns. Anders gesagt: Was der Haushund für das Lob des Menschen tut, muss entweder Kunst sein oder eine karitative Maßnahme.
Die Wahrheit ist, dass auch homo sapiens im Leben nichts weiter will als ein paar Streicheleinheiten von einem höher stehenden Wesen, gleichgültig, ob er das Höherstehende Vater, Chef oder mediale Öffentlichkeit und die Streicheleinheit Einkommen, Taschengeld oder Pendlerpauschale nennt. solange das aber niemand wahrhaben will, spielt der Haushund gern den heiligen Prototypus eines Gotteslohn schuftenden Wesens. Und lässt sich als solches ausgiebig loben.

Lorenz, Konrad

1903-1989, Zoologe, Verhaltensforscher und Nobelpreisträger. Hat entdeckt, dass Gänse demjenigen nachlaufen, der sie zuvor ausgiebig gefüttert hat. Alles, was Lorenz durch seine umfangreiche Forschungstätigkeit herausfand, hätte ihm ein durchschnittlich begabter Haushund im Rahmen eines kurzen Interviews erläutern können. Da wir nie gefragt wurden, sind wir einem Mann zu Dank verpflichtet, der homo sapiens vor Augen führt, dass er auch nicht anders funktioniert als seine tierischen Verwandten. In diesem Sinn versteht sich das vorliegende Konversationslexikon nicht nur als Welterklärungsfibel, sondern auch als bescheidene Ergänzung zum Lorenz'schen Lebenswerk. Danke, Konny! Ohne dich hätten sie es vielleicht niemals begriffen.

Magknochen

Der Hund mag Knochen. Am liebsten solche mit einem großen Loch in der Mitte, aus dem man in minutiöser Kleinarbeit eine wohlschmeckende weiße Masse herausschlecken kann. Als offizielle Bezeichnung ist >>Mark-Knochen<< gebräuchlich, was daran erinnern soll, dass selbst ein Stück Rindersperrmüll an der Fleichtheke eine Mark kosten kann. Weil >>Euro-Knochen<< nicht besonders gut klingt, empfiehlt sich >>Marc-Knochen<< als neue Schreibweise in Anlehnung an einen Ausspruch des Marc Aurel: >>Betrachte dich als einen, der im Begriff ist zu sterben, verachte dieses: Fleisch, Blut, Knochen.<< Trotz der Vergänglichkeitsgefühle, die homo sapiens und seinen Haushund beim Anblick der ausgeblichenen Gebeine auf dem Wohnzimmerteppich befallen, sollten sie das Wort des römischen Kaisers nicht allzu ernst nehmen. Der Magknochen ist ein unverzichtbares Instrument des alltäglichen Zusammenlebens. Dem Hund dient er zur Kräftigung des Gebisses, dem Menschen zum ungestörten Lesen eines Buchs. Bis der Hund kommt und als Schutzgeld den nächsten Knochen verlangt.

Mahlzeit

1. Grußwort, das vor allem der rheinische homo sapiens zwischen zehn und fünfzehn Uhr ausruft, sobald er eines Artgenossen ansichtig wird. Nach fünfzehn Uhr heißt es: Feierabend! Sympathisches Völkchen.
2. Die deutsche Übersetzung von >>da capo al fine<<. Leider ist homo sapiens der italienischen Sprache anscheinend nicht mächtig, weshalb er nach jeder Mahlzeit daran erinnert werden muss, dass die Schüssel leer und der Hund noch nicht voll ist.

Marder

Kleines Raubtier, das sich von Bremsleitungen ernährt und Stepptänze auf Dachböden veranstaltet. Legt der Haushund beim Abendspaziergang einen kiesspritzenden Kavalierstart hin, um einem dunkel Enthuschenden nachzueilen, bezieht er im Normalfall eine Menge Ärger, besonders, wenn zwischen Haushund und Enthuschendem eine befahrene Straße liegt. War es jedoch ein salamiförmiger Schatten, der unter einem Auto hervor ins nächste Gebüsch geflohen ist, erhält der Haushund an Ort und Stelle das goldene Jagdabzeichen. Hier offenbart sich wieder einmal die Unfähigkeit zur Unparteilichkeit, mit dem homo sapiens sich selbst und die Welt fortwährend ins Verderben stürzt.

Materialismus

Philosophische Grundrichtung, die von einer mechanischen Erklärbarkeit der Welt ausgeht. Der Durchschnitts-homo-sapiens versteht unter Materialismus jedoch eine Geisteshaltung, die materiellen Gütern den höchsten Stellenwert im menschlichen Leben einräumt. Solcherlei Ideen sind dem Haushund wesensfremd (vgl. -> Besitz, -> Lob). Als wert- und zweckfreie Lebensform repräsentiert der Hund sogar ein perfektes Trainingsgropramm zur Bewältigung der lang erwarteten schlechten Zeiten. So wie Nikotinpflaster den Raucher beim Entzug unterstützen, hilft ein Haushund seinem homo sapiens bei der Überwindung seiner veralteten Wirtschaftswunder-Konsumsucht. Hierfür klebt sich der postmaterialistische Mensch in spe seinen Hund nicht auf die Haut, sondern geht ins Tierheim, um sich erst mal einen zuzulegen. Schon beim Abschreiten der Käfige treffen ihn Blicke aus zwanzig braunen Augenpaaren, die noch die strammste materialistische Grundhaltung ins Wanken bringen können. Aus allen Ecken raunt es stumm: Ob Luxusbude, ob WG / nur Einsamkeit tut richtig weh. Diese Worte trägt der bereits halb kurierte homo sapiens mit nach Hause, und wenn er noch eine Hand frei hat, nimmt er gleich einen Haushund mit, der die Designercouch ruiniert, das Parkett zerkratzt, den Audi TT voll kotzt und den Menschen endgültig fit macht für die Rezession. So ist allen geholfen.

Mops, Ottos

Ottos Mops ist ein armes Ding. Er trotzt, hopst und kotzt, nur damit die deutsche Sprache, in wElchEr VErbEn EntsprEchEnd dEm bEmErkEnswErtEn ExEmpEl >>ErdbEErfEldErErntEn<< EhEr sEltEn vErwEndEt wErdEn, ihre versteckte Neigung zur Vokalharmonie offenbaren kann. Da das laut gebrauchte Vokabular des klugen Haushunds auf die Wendungen >>Wuu-wu-wu-wuuu<<, >>Fiep-Fiiep<< und >>Jatz, hach, hach, jatz<< beschränkt ist, hat er für derlei Bestrebungen größtes Verständnis, weshalb auch Willis Spitz pisst, Annas Bastard kackt und Herberts Berger gerne Werner ärgert, wenn es der Onomatopöie zugute kommt. Aus einem Grund, den ich rational nicht erklären kann, würde ich mich auf Anfrage trotzdem lieber dafür entscheiden, der Rasse der vokalunharmonischen Neufundländer anzugehören oder zur Not ganz auf Vokale zu verzichten. Mschlngshnd, Mschlngshnd, grrrrrrr.

Namen

Wer glaubt, dass mit Fiffi, Rex und Stromer die drei verfügbaren Persönklichkeitstypen des Haushunds treffend umschrieben und damit alle Probleme der Namensgebung gelöst seien, hat sich geirrt. Für seine eigenen Babys hat homo sapiens hierzulandis die erdrückende Menge möglicher Bezeichnungen eingegrenzt und alle Namen verboten, die ihren Träger der Lächerlichkeit preisgeben könnten. Dabei gelten grundsätzlich solche Begriffe als lächerlich, die schon vor ihrer Anwendung auf homo sapiens in der eigenen Sprache eine Bedeutung besaßen. So können Menschensohn und Menschentochter >>Abaddon<< und >>Abella<< heißen, nicht aber >>Zerstörung<< oder >>Kind<<. Ein Haushund hingegenschreit förmlich nach zusätzlicher Bedeutung. Seine Namenslisten empfehlen auf den ersten Plätzen >>A capella<<, >>Abrakadabra<< und >>Absinth<<. Einer Stefanie oder einem Thomas auf vier Beinen begegnet man eher selten.
Verlangt ein Tier nach Gewichtung, während der sich-selbst-meinende Mensch nur eine verkappte Hausnummer braucht? Oder besteht beim Menschen Verwechslungsgefahr mit dem bezeichneten Gegenstand, während ein Haushund zweifelsfrei immer Haushund bleibt? - Das fragt einer, der schwarze Haare hat, zur Eifersucht neigt und auf -> Othello hört. Und sich im Gegensatz zu manchem Quasimodo oder Aikido den eigenen Namen wenigstens merken kann.

Napf

Heiliger Gral des Haushunds. Ähnlich wie die alten Knochen lebt der Haushund in einer Alltagssphäre, die nahtlos an eine mystische Gegenwelt grenzt. In diesem zweiten Universum gehen rätselhafte Dinge vor sich, deren Widerhall das Leben des Haushunds von Zeit zu Zeit streift. An wenigen Orten treffen die Grenzen der beiden Reiche aufeinander, die Kreise überschneiden sich, und das Göttliche kommuniziert mit dem einfachen Wesen. Solche Schnittstellen liegen in heiligen Tümpeln oder Wälder, auf besonderen Bergkuppen und vor allem im Napf. Er ist Sehnsuchtsort, Füllhorn, Garant ewiger Jugend - ein wundertätiger Gegenstand, dessen Kraft nur wenigen Auserwählten zuteil wird. Der Legende nach hat er bereits auf der Abendmahltafel gestanden und später die Ritter der Artusrunde in eine tödliche Suche getrieben. Inzwischen ist er wieder aufgetaucht und steht in der Küche auf dem Boden. Täglich verbringt der religiöse Haushund einige Stunden in stummer Anbetung vor der geweihten Stätte und wartet darauf, dass homo sapiens sich ihm in seinen Gaben offenbaren möge. Wem solche Inbrunst verdächtig erscheint, der sei daran erinnert, dass der Haushund bislang kein Zeitalter der Aufklärung durchlaufen musste und deshalb in Frieden mit seinen Symbolen lebt. Gern lässt er sich als Esoteriker, Okkultist oder New-Age-Anhänger belächeln, solange er nicht losziehen und sich sein Futter selbst verdienen muss. Ehre sei Dagda in der Höhe.

Nase

Riechorgan, mit dessen Hilfe der Haushund sämtliche erkennungsdienstlichen Maßnahmen durchführt, für die homo sapiens Fingerabdrücke, Iris-Photographien, Voiceprints und biometrische Gesichtsvermessungen braucht. Ich zum Beispiel besitze eine auffallend große, schwarzlederne Nase, an der mich jedermann schon von weitem erkennen kann. Abgesehen davon verfügt der Haushund im Vergleich zum Menschen über einen zehn Millionen Mal besseren Geruchssinn. Ein derart leistungsstarkes Organ verlangt ähnliches von seinem Träger wie das Lichtschwert vom Jedi-Ritter: außergewöhnliche Beherrschung der Macht und ständiges körperliches Training. So kommt es, dass der normal sterbliche Haushund zwar durch geschlossene Fenster und Türen ein köchelndes Rindfleischragout am anderen Ende des Stadtteils orten kann, dafür aber kopflos hin und her rast, wenn homo sapiens ihn mit anfeuernden Rufen (>>Such! Such!<<) über eine Wiese scheucht, an deren Rand offensichtlich ein Tennisball liegt. Das müsse dem Haushund wahrscheinlich peinlich sein. Ist es aber nicht. Schließlich kann immer auch ein raffinierter Fall von --> Understatement vorliegen.

Natur

Die Natur besteht aus allen belebten und unbelebten organischen und anorganischen Substanzen und Erscheinungen, die sich standhaft weigern, auf homo sapiens zu hören. Da der kultivierte Haushund eine Schwäche für Gehorsam hat, ist er ebenso degeneriert wie die menschliche Gattung, bei der er lebt. Anders als homo sapiens fühlt er sich durch diese Tatsache nicht im Geringsten gestört, denn die Zivilisation ist trocken, warm und sicher, während es in der Natur ständig regnet und das Futter nicht in praktischen Konservendosen angeliefert wird. Homo sapiens als alter Liebhaber von paradoxen Verhaltensweisen arbeitet seit Jahrtausenden daran, die Wildnis zu domestizieren, und beginnt nun, da er es fast geschafft hat, über den Verlust des Naturzustandes zu jammern. Er geißelt sich öffentlich als Zerstörer der Umwelt, fährt im Urlaub mit dem Fahrrad durch die Wüste, anstatt drei Wochen lang Cocktails am Swimmingpool zu trinken,und will mithilfe von Biobauern und Elektrosmog-Paranoia immerfort zurück zur Natur. Ein bereits mehrfach erwähnter, ausgesprochen netter Philosoph des 17. Jahrhunderts beschrieb den Naturzustand als ein Leben vollkommener Freiheit und Gleichheit. Diese Darstellung scheint homo sapiens noch immer in den Ohren zu klingen. Eine andere Ansicht geht davon aus, dass der Mensch des Menschen Wolf und das Leben im Naturzustand kein Spaziergang zum nächsten Reformhaus sei. Hiergegen ließe sich wiederum einwenden, dass die schlimmsten Verbrechen der Geschichte von Staaten und nicht von Einzelwesen begangen wurden - und so fort. Derartige Diskurse über den Naturzustand können wir uns schenken, denn homo sapiens hört ohnehin nicht zu. Er setzt sich in seinen Vier-Liter-Jeep und fährt ins Naturschutzgebiet. Dort schaut er sich an, wie das Sonnenlicht schräg durchs löchrige Blätterdach fällt und glückliche Käfer über den Asphaltweg krabbeln, und schimpft auf die Zivilisation. Dabei tätschelt er den Kopf der Haushunds und meint: >>Du hast's gut, du bist der Natur noch nicht so entfremdet wie wir.<< Woraufhin sich der Haushund am liebsten vor Lachen in den nächsten Ameisenhaufen schmeißen würde.

Nutztier

Sammelbegriff für Mitgeschöpfe, die nützlich sind. Den gemeinen Haushund betrifft dieser Terminus also nicht direkt. Vgl. -> Begleit-, Wach- und Schutzhunde.

Office

1. Frühere Bezeichnung: Büro. Ein linoleumbeklebter Raum, in dem gekrümmte, graugesichtige Gestalten sitzen, durch trübe Fensterscheiben nur schwach erhellt, da die aufgehende Sonne nur selten den Aktenhorizont auf ihren furnierten Schreibtischen übersteigt.
2. Durch die Umbenennung in >>Office<< hat sich das Büro in einen hellen Glas- und -Stahl-Baukasten verwandelt, in dem Trennwände, Flachmonitore, Aktenschränke, Topfpflanzen und glückliche Mitarbeiter nach asiatischen Entspannungsprinzipien yin-und-yang-sicher über die Gesamtfläche verteilt sind. Kürzlich haben US-amerikanische Hochleistungs-Offices zudem die stressmindernde Wirkung von Haustieren entdeckt und diverse Pudeln, Hasen und Pythonschlangen einen festen Platz in der Hirarchie zwischen Mobiliar und Mitarbeiter eingeräumt. Auch für durchgeknallte Börsenbroker symbolisiert ein warmer Hunderücken unter dem Schreibtisch den Boden der Tatsachen. Deshalb erhöht der Officehund den Umsatz-pro-Angestellter um 7.500 Dollar jährlich (wer ein gefräßiges Haustier hat, muss einfach mehr Geld verdienen). Er reduziert Fehltage um 27 Prozent (ein Haushund verwandelt noch das modernste Space-Shuttle-Büro in ein angeschmuddeltes Wohl-fühl-Zuhause). Und sorgt nach Meinung fast aller Befragten für produktive Arbeitsatmosphäre (angesichts der legendären Faulheit des Haushunds ist Fleiß eine natürliche Gegenreaktion). Am speziellen >>Take Your Dog To Work Day<< bekennen sich inzwischen Tausende von Firmen in den USA und Großbritannien zur umsatzsteigernden Wirkung der haarigen Trittbrettfahrer. Erster kapitalistischer Erfahrungssatz: Stimmt erst dein pekuniärer Gegenwert, bist du nicht mehr Gefahrenherd.

Office for Dogs

1. Öffentliche Stelle, bei der man in der Town of Bethlehem eine Monatskarte für den Hundepark erwerben kann.
2. Rechtsbehörde, deren Einrichtung der Genfer International Court of Justice for Animal Rights von der Bundesrepublik verlangt. In einem Urteil vom 7. Mai 2001 wurde festgestellt, dass Deutschland durch die Diskriminierung von Hundebesitzern gegen die Menschenrechte , das Tierschutzgesetz und das EU-Recht auf freien Warenverkehr verstößt. Das Verfahren wurde eingeleitet, nachdem Polizisten im Park auf Hunde geschossen hatten und gewaltsam in eine Wohnung eingedrungen waren, um irgendeinen zahnlosen alten Teufel zu beschlagnahmen. Als besonders gefährlich betrachtet der Gerichtshof die von Otto Schily und der deutschen Presse evozierte Massenhysterie gegenüber Haushunden im öffentlichen Raum, die zwar eine Weile erfolgreich von Parteispendenaffäre und BSE-Skandal abzulenken vermochte, jedoch wie alle Massenhysterien die Neigung zeigt, sich unkontrolliert weiterzuentwickeln.
Wer mehr erfahren will, muss die englische Presse lesen. (Im Internet zum Beispiel auf www.angelfire.com/biz6/dogholocaust/ourdogs10.html, 10.02.05.)
Weil dem Urteil des Tierschutz-Gerichtshofs kein juristisch bindender Charakter zukommt, haben die deutschen Medien zur Vermeidung von Missverständnissen von der Berichterstattung gänzlich abgesehen. Wahrscheinlich wird deshalb auch nicht darüber gesprochen, dass im angeblich hundeüberbevölkerten Deutschland die Hund-pro-Mensch-Dichte im Vergleich zu 17 anderen Industrienationen an zweitletzter Stelle steht und dass ein Tod durch Blitzschlag laut Unfallstatistik immer noch vier Mal wahrscheinlicher ist als ein lebensbedrohlicher Hundebiss. Zweiter kapitalistischer Erfahrungssatz: Sex sells sometimes, fear sells always. Und für Blitze gibt es keine Maulkörbe, Strafsteuern und Bußgelder.

Omnivor

Der Laie neigt zu der Annahme, Haushunde seien Fleischfresser. Dieser Irrtum wird von der Werbeindustrie befördert, die dem Verbraucher suggerieren will, dass Hundefutter Fleisch enthalte und deshalb durchaus zum Preis von Gänseleberpastete gehandelt werden könnte. In Wahrheit ist der Haushund genau wie Huhn, Sumpfschildkröte, Wildschwein und homo sapiens ein omnivores Tier. Als die Bibel geschrieben wurde, war er schon seit ein paar Tausend Jahren in der Lage, die Brosamen vom Tisch des Herrn zu fressen (Matthäus 15, Vers 21 bis 28). Durch optimale Anpassung an die Umweltbedingungen kann ein Haushund auch im Vegetarierhaushalt den Abendbrottisch abräumen und alle vorgefundenen Inhaltsstoffe für sich verwerten. Auf die Frage, ob der Hund in freier Natur saftige Waldlichtungen abgeweidet habe oder auf Bäume geklettert sei, um sich ein paar Nüsse zu pflücken, gibt es als Antwort eine treffende Gegenfrage: In welcher freien Natur? Der Haushund lebt schon immer bei homo sapiens, gleich ob im Innern oder am Rand der menschlichen Zivilisation. Im zweiten Fall frisst er von öffentlichen Müllkippen, im ersten aus der privaten Restmülltonne. Ernährungsphysiologisch betrachtet ist das der einzige Unterschied. Ravioli in Tomatensauce, Cordon bleu und Pedigree Multi Complete hüpfen nun mal nicht quiekend durchs Unterholz, um sich von irgendeinem Amateurjäger einfangen zu lassen. Wer das alles nicht glaubt, soll nach Griechenland oder Bosnien-Herzegowina fahren und die dortigen Wildhunde fragen, was sie fressen.

Ordnungsamt, Beamter des

Dunkelblau uniformierter homo sapiens weiblichen Geschlechts mit rot gefärbten Haaren, der den staatlich geprüften Ordnungs- und Sicherheitswahn in bare Münze verwandelt. Seit ein unangeleint herumlaufender Haushund bis zu tausend Euro kosten kann, gehen wir nicht mehr spazieren, sondern sind auf der Flucht. Immerhin ist auf diese Weise manch ein hundehaltender homo sapiens zum Jogger oder Radfahrer geworden, was zum Erhalt der Volksgesundheit beiträgt. Nicht-Hundebesitzer finden das so lange angebracht, bis sie dreißig Sekunden nach Ablaufen des Parkzettels ein Knöllchen unter ihrem Scheibenwischer gefunden haben. Nicht-Autofahrer halten dies wiederum für ganz normal, bis ihnen der solarzellenfreundliche Umbau ihres Daches unter Androhung eines Zwangsgeldes in Höhe von zehntausend Euro Bauordnungsamt untersagt wurde. Im Grunde hasst es jeder homo sapiens, gegen seinen Willen beschützt zu werden. Aber, wie ein altes Sprichwort sagt: Ordnungsamt muss sein. Es dient nicht nur der fiskalischen, sondern auch der kollektiven-seelischen Hygiene.

Osmose

Biochemisches Kunststück, das erfahrene Haushunde ausschließlich bei Nacht vor schlafendem Publikum aufführen. Nachdem homo sapiens sich ins Bett gelegt hat, nimmt der Hund vorschriftsmäßig aufseinem Polster hinter der Tür Platz. Es vergehen einige Momente der Sammlung. Der Mensch schlummert ein, der Hund erhöht seine Konzentration, bis die Osmose in Gang gesetzt werden kann. Ohne jede wahrnehmbare Bewegung diffundiert er gewissermaßen auf Molekülbasis mit Schnauze und Vorderpfoten auf die Bettkante, wobei ihm das strikte Bettverbot als semipermeables Medium dient. Nach kurzer Verschnaufpause folgen Bauch und Hinterbeine, bis der Hund schließlich ganz auf der Matratze liegt. In diesem Moment ist der osmotische Druck immerhin so weit ausgeglichen, dass er den Haushund nicht zum Platzen bringt. Im Lauf der Nacht kommt es vor, dass weitere Diffusionsbewegungen ihn bis aufs Kopfkissen transportieren, wo er dann endlich den beseligenden Zustand eines isotonischen Gleichgewichts erlebt. Ob homo sapiens das in der gegebenen Situation genauso beurteilen würde, mag dahingestellt bleiben. In den Dschungeln der Biochemie ist jede gelöste Substanz für sich selbst verantwortlich.

Pawlow, Iwan Petrowitsch

1849-1936, Physiologe, Pharmakologe und Nobelpreisträger. Hat herausgefunden, dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn man weiß, dass es gleich Abendessen gibt. Hält man den gemeinen Haushund für eine Art haarige Laufpflanze ohne jeden Anflug von kognitiven Fähigkeiten, mag diese Erkenntnis überraschen. Wahrscheinlich hat Pawlows schlauer Hund es ein bisschen spannend gemacht und sich eine Menge Salami geben lassen, bevor er zum ersten Mal zu triefen anfing, als der Gong ertönte. Jedenfalls möchte ich mich genau wie bei Lorenz, Konrad nachträglich bei Pawlow dafür bedanken, dass er zur Anerkennung des Haushunds als lebendiges Wesen beigetragen hat. Danke, Iwan! Zur Belohnung lässt man dich an der Unsterblichkeit deines Haustiers teilhaben. Mehr als die Sache mit dem Hundesabbern weiß man nämlich nicht mehr von dir.

Pfui

1. Spontaner Ausruf des Abscheus oder der Verachtung.
2. Suggestivbefehl, mit dem homo sapiens seinem Haushund einreden will, dass jenes Undefinierbare, das Letzterer soeben auf der Straße gefunden hat, nicht lecker sei. Gegen eine derart billige Art von Gehirnwäsche ist der Haushund selbstverständlich immun. Wenn er die Bic-Mac-Gurke wieder fallen lässt, dann aus anderen Gründen.

Planck, Max

1858-1947, Physiker, Nobelpreisträger, Begründer der Quantenphysik. Seine Versuche haben unter anderem bewiesen, dass nichts real ist, solange man es nicht beobachtet, auch wenn Max das mit Sicherheit anders ausgedrückt hätte. Während sein jüngerer Kollege Erwin Schrödinger Experimente mit einer Katze durchführte, ist über eine Arbeit mit Haushunden in der Quantenphysik nichts bekannt, obwohl wir auf diesem Gebiet gewissermaßen als Experten gelten müssten (vgl. -> Fuß). Mit wenige Mühe hätte ein Haushund die Ergebnisse der Quantenphysik veranschaulichen und Schrödingers Katze vor ihrem Schicksal bewahren können. Der Grundlagenversuch >>The vanishing Wurst<< ist so einfach, dass ihn jeder naturwissenschaftlich interessierte Leser zu Hause nachstellen kann:
Man setze einen Haushund in einen beliebigen Raum und lege eine Wurst auf den Tisch. Solange der Versuchsleiter das Geschehen beobachtet, wird die Wurst weiterexistieren. Sobald er wegguckt, kann er sicher sein, dass die Wurst zu existieren aufgehört hat.
Dieses klare Ergebnis zeigt die wahre Auswirkung von Beobachtung auf das beobachtete Objekt. Der Planck'sche Hund hätte neben dem Pawlow'schen in die Geschichte eingehen können. Schade, dass Planck keinen Haushund hatte. Das ist bekanntlich das Problem vieler großer Männer.

Platz

1. Urbane Häuserlücke größeren Ausmaßes, die von Überwachungskameras umzingelt ist.
2. Aufforderung, sich an gegebener Stelle niederzulassen. Aus dem jeweiligen Kontext ergibt sich die wichtige Unterscheidung zwischen >> Nehmen Sie doch Platz << und >> Mach jetzt Platz <<. Die erstgenannte Formulierung bittet einen künftigen Schwiegervater oder finanzkräftigen Investor, es sich im Ehrensessel bequem zu machen. Die zweite Wendung meint dagegen immer den Haushund, der sich daraufhin je nach Jahreszeit auf den nassen, gefrorenen oder glühend heißen Untergrund drückt. Entgegen dem ursprünglichen Bedeutungsgehalt des Begriffs wird er am liebsten an Stellen gebraucht, wo überhaupt kein Platz ist, zum Beispiel inmitten ausgezogener Schuhe im Flur, unter den Klappsitzen eines Hörsaals oder hinter dem Schirmständer im Restaurant. Auch in den Variationen >> Geh auf deinen Platz <<, >> Bleib Platz << oder einfach nur >> Platz << ist das Ergebnis immer dasselbe: Alle sitzen, stehen, laufen herum und amüsieren sich, nur der Hund liegt platt auf dem Bauch. Im englischen Sprachraum kommt besser zum Ausdruck, was mit dem Kommando gemeint ist: >> Down <<. Was tut man nicht alles für ein tägliches Gratisessen.

Quantenphysik

Die Quantenphysik oder auch Quantenmechanik ist ein auf Max Planck zurückgehender Teilbereich der Physik, der sich mit den Eigenschaften und Verhaltensweisen kleinster Teilchen beschäftigt. Weil der normal gewachsene Haushund ein eher großes Teilchen ist, wird er von dieser Wissenschaft bewusst ignoriert. Trotzdem empfiehlt es sich nicht, die Quantenmechanik in trotziger Gegenignoranz für einen Spottbegriff aus der Veterinäranatomie zu halten, da einige ihrer Ergebnisse erheblichen Alltagsnutzen haben. Dies gilt in erster Linie für die Theorie der sogenannten Wahrscheinlichkeitswelle. Sie besagt in etwa, dass man den Aufenthaltsort eines Objekts nicht mit Sicherheit bestimmen kann, solange man es nicht beobachtet. Dies gilt nicht nur im Urwald oder in einer überfüllten Fußgängerzone. Die Wahrscheinlichkeitswelle erstreckt sich über das ganze Universum, ist unter anderem dort besonders stark, wo man tatsächlich festgestellt wird, und überlässt es dem Zufall, ob man nicht ganz woanders ist. Zum Beispiel auf der anderen Straßenseite beim Jagen von Nachbars Katze, anstatt brav wartend an der Bordsteinkante. Oder auf einem gemütlichen Spaziergang durchs Viertel statt im Wartezimmer des ortsansässigen Tierarztes. Weil der durchschnittliche homo sapiens nicht Physik studiert hat, weiß er nichts von diesen Dingen und vermutet den Haushund jedes Mal wieder an der Stelle, wo er ihn zuletzt gesehen hat. Insofern verhelfen quantenmechanische Grundkenntnisse zu einem wertvollen Vorsprung bei der Selbstfindung. Vor allzu waghalsigen Quantensprüngen sei jedoch gewarnt. Sie münden mitunter in strapaziöse Irrfahrten und enden im neunten Kreis der Hölle, auch Tierheim genannt, wo der Haushund reumütig darauf warten muss, dass sein homo sapiens ihn abholt. Wenigstens das Teilchen selbst sollte immer wissen, wo es sich gerade aufhält.

Quote

Lange Jahre verfolgte mein Haushalt eine konsequente Geschlechterpolitik mit klaren demographischen Vorgaben: Durch die Anwesenheit meiner Wenigkeit herrschte ein männlicher Haushundanteil von hundert Prozent, der ein trauliches und konfliktfreies Zusammenleben mit sich selbst und mit homo sapiens garantierte. Eines Tages verlangte die Quote eine Aufstockung der weiblichen Partikularbevölkerung und Herstellung einer Fifty-fifty-Situation. Die Quote ist acht Jahre jünger, blond und langbeinig und entspricht nach menschlichem Vorstellungsbild dem Prototyp einer Traumfrau. Zu Hause steht sie im Weg, beißt den männlichen Haushund alle fünf Minuten in die Ohren und provoziert mit einer neuartigen Mischung aus Magersucht und Futterneid nie gekannte Ressourcenstreitigkeiten. Kaum waren die Bedingungen friedlicher Koexistenz geschaffen, forderte die gierige Quote eine Erweiterung der rein hündischen Gemeinschaft um eine Katze-im-Besonderen. Diese darf auf dem Tisch sitzen, bekommt Futter mit quotenfeindlichen hundert Prozent Fleischanteil und benutzt den Hund bei ihren Beuteübungen als exemplarische Maus.
Inzwischen haben wir uns aneinander gewöhnt und sehen mit gemischten Gefühlen der nächsten demographischen Entscheidung entgegen. Der weibliche Haushund hat nicht verstanden, was eine Quote ist, und wünscht sich einen Quotenwindhund zum Fangenspielen. Die Katze hofft auf einen Quotenfisch oder Quotenvogel. Ich befürchte ein paar stinkende Quotengrasfresser im Garten hinter dem Haus. Leider zeigt die Erfahrung, dass ich am Ende immer Recht behalte.

Radfahren

Weil homo sapiens gerne nach oben buckelt und nach unten tritt, ist Radfahren eine seiner liebsten Fortbewegungsarten. Zu diesem Zweck legt der Mensch sich eine Eierschale auf den Kopf, kleidet sich in die bunt schillernden Farben des Eichelhähers und fährt in den Wald, um sich schnell wie ein Vogel zu fühlen. In der Tat erreichen Radsportprofis Geschwindigkeiten von mehr als hundert Sachen, während ein Windhund seine Rennen mit sechzig bis siebzig Kilometern pro Stunde läuft. In diesem Zusammenhang tritt das Grundproblem des Haushunds deutlich zutage: Er rollt nicht, wenn es bergab geht.
Damit der Vierbeiner nich trödelt, kauft der hundebesitzende Hobbysportler einen >>Springer<<, also eine Vorrichtung aus Riemen und Stangen, in die der Haushund seitlich zum Fahrrad eingespannt wird. Leider ist noch niemand auf die Idee gekommen, das Gestänge so hoch anzubringen, dass die Hundebeine den Boden nicht mehr berühren und sich in selbst gewähltem Tempo in der Luft bewegen können. Wenn der Haushund an einen Möchtegern-Jan-Ulrich geraten ist und nicht ins Lenkkörbchen passt, sollte er sich eine Besonderheit seiner physischen Konstitution vergegenwärtigen: Kreislaufkollaps und Herzstillstand treten häufig erst im Anschluss an eine Überanstrengung ein, so dass homo sapiens die stramme Radtour vorher noch zu Ende führen kann. Deshalb empfiehlt es sich, möglichst rechtzeitig alle Register der Ermüdungserscheinungen zu ziehen. Kaum ist die heimatliche Haustür außer Sicht geraten, beginnt der kluge Hund mit ersticktem Hecheln und Augenrollen. Nachdem dies mit dem Ausruf >>Stell dich nicht so an!<< quittiert wurde, lässt er sich zu Boden fallen und verharrt in dieser Lage, bis homo sapiens die Bremswirkung des mitgeschleiften Körpers nicht länger ignorieren kann. Wer nicht ans Fahrrad gekettet ist, wirft sich in vollem Lauf die Böschung hinunter und bleibt, gut sichtbar für alle Sonntagsspaziergänger, auf dem Rücken liegen. Je nach darstellerischem Talent des Haushunds dürfte dies die erste und letzte olympische Trainingseinheit für ihn gewesen sein.
Gegen Bummelausflüge mit mehreren Unterbrechungen für Picknicks und Biergartenbesuche ist indessen nichts einzuwenden. Mit etwas Erfahrung lässt sich die Art der geplanten Radtour mühelos erkennen. Wenn homo sapiens früh aufsteht, gestreifte Schuhe mit komischen Absätzen anzieht und seine Getränke nicht in braunen oder grünen Glasflaschen, sondern in einer Plastikdose mit Trinkschnuller mit sich führt, ist äußerste Vorsicht geboten. Trägt er jedoch ein gestreiftes Hemd und verbringt zwei Stunden am Telephon, bevor er das Haus verlässt, kann Entwarnung gegeben werden. Wie homo sapiens seine Freizeit verbringt, ist nicht zuletzt eine Frage der -> Erziehung. Ein kluger Haushund hat noch so manchen Pseudorennsportler zu einem erstklassigen Sontagsfahrer gemacht.

Rangordnung

Eine Mischung aus dienstlicher Hierarchie und göttlicher Ordnung, die dem Haushund einen festen Platz im Leben zuweist. Was auf den ersten Blick wie ein diktatorisches Unterdrückungssystem ohne jede Rechtsgrundlage aussieht, ist auch ein diktatorisches Unterdrückungssystem ohne Rechtgrundlage, stellt gleichzeitig aber eine biologische Notwendigkeit für den von Natur aus regeltreuen Haushund dar. Genau wie homo sapiens, der das allerdings hartnäckig bestreitet, ist auch der Haushund froh, wenn ihm jemand sagt, was er zu tun hat. Darüber hinaus erfüllt die Rangordnung wichtige Funktionen bei der Aufgabenverteilung im häuslichen Zusammenleben. Für den Inhaber der Spitzenposition liegt der Tätigkeitsschwerpunkt auf 60-Stunden-Arbeitswoche, Nahrungsbeschaffung, Selbstverwaltung, Aufräumen, Putzen, Telephondienst, Gesundheits- und Altervorsorge, äußere Kommunikation, innere Organisation und sonstiges. Die nachgeordnete Position macht Sitz, wenn die Spitzenposition >>Sitz<< sagt. Der Haushund weiß schon, warum er sie liebt, die einfache Ordnung der Dinge.

Rasse

Aus historischen Gründen gebraucht homo sapiens dieses Unwort nicht mehr für seine Artgenossen. Leider ist ihm noch nicht ins Bewusstsein gedrungen, dass der Begriff auch in der Anwendung auf andere Säugetiere zu Ärger führt. Wer einer Rasse angehört, verbringt sein halbes Leben auf Zuchtschauen oder beim Frisör, unterliegt der Zwangsheirat, trägt Schleifchen im Haar und darf sich beim Spielen nicht schmutzig machen. Als Rassefreier kann man sich glücklich schätzen, wenn man die ersten acht Wochen seines Daseins überlebt, steht mit einem Bein im Tierheim, bekommt keine Seidenkissen und kein Vet-Size-Breed-Futter zum satten Preis von fünf Euro das Kilo. Eine Haushundinitiative unter dem Titel "Rasse ist Rassismus" könnte mit breitester Unterstützung rechnen; sie müsste nur erst gegründet werden. Wenigstens gehört es inzwischen zur Allgemeinbildung, dass Mischlinge den besseren Charakter haben.

Reisen, ohne Hund

Was auch immer sich die moderne Mobilitätsgesellschaft zur Demobilisierung ihrer hundehaltenden Mitglieder ausdenkt - der Größte Anzunehmende Unfall tritt erst ein, wenn homo sapiens ohne seinen Haushund verreist (vgl.-> Tasche, Reise). Die meisten Menschen vermuten, dass der Haushund sich in solchen Fällen aus dem -> Rudel verstoßen fühlt. Was, frage ich, hat es mit >>Rudel<< zu tun, wenn das einzige Wesen, das man von Herzen liebt, das einen füttert, unterbringt, streichelt, bürstet, spazieren führt, straft, belohnt und auch noch die Steuern bezahlt, plötzlich allein das Weite sucht?
Die Sache vollzieht sich wie folgt: An der Haustür pflegt homo sapiens zu erwähnen, dass man nicht so gucken soll und er doch bald wiederkommt. Aber Züge können entgleisen, Flugzeuge abstürzen und Autos als Blechhaufen im Straßengraben enden. Homo sapiens kann sich in eine ausländische Artgenossin verlieben und einen spontanen Wohnsitzwechsel beschließen, wobei er seinen alten Haushund im Überschwang der Gefühle vollkommen vergisst. Häuser können einstürzen, Kontinente versinken. Währen der Abwesenheit seines Menschen auferlegt sich der Haushund daher strenge Askese ohne Essen und Schlaf, um die Götter milde zu stimmen. Die Wohnungstür wird zur Klagemauer, an der er seinem prophylaktischen Verlustschmerz lautstark Ausdruck verleiht.
Kaum ist der Mensch wieder da, ist alles gut, die Freude überwältigend, das Leid vergessen. Bis zu diesem Moment aber gilt: Wenn homo sapiens fährt, lasst alle Hoffnungen mit ihm fahren.

Restaurant

Olfaktorische Folterstube für alle Lebewesen, die dank der hartnäckigen tierischen Pelzmode keine Taschen im Fell und deshalb nicht das nötige Kleingeld dabeihaben, um sich den großen Grillteller oder die Elsässer Schlachtplatte zu bestellen. Wer in stummem Protest einen Holzklotz vom Kamin unter dem Tisch zu Sägespänen zermalmt, wird erleben, dass in diesem rechtsfreien Raum auch friedliche und politisch korrekte Meinungsäußerungen unerwünscht sind.
Da das amerikanische Doggie-Pack-System hierzulande keinen guten Ruf genießt, muss der gepeinigte Haushund hilflos mit ansehen, wie unabgenagte Knochen, unabgeschleckte Teller, halbvolle Reisschüsseln und jungfräuliche Brotkörbe bezahlt an die Küche zurückgehen. Wohl dem, der sanft genug ist, die Kellnerin nicht mit einer Blutgrätsche am Abräumen zu hindern. Wohl dem, der stattdessen seinen taumelnden homo sapiens sicher heimgeleitet und darüber hinwegsieht, dass dieser vor lauter Weinseligkeit das Hunde-Abendessen vergisst.
Kleine Anmerkung des Verfassers: Es gibt keine ausgleichende Gerechtikeit. Wiedergeburt ist zwecklos.

Restmülltonne

Der Unterschied zwischen Restmülltonne und Biotonne besteht darin, dass der gesamte Inhalt der Biotonne essbar ist, während dieses Prinzip für die Restmülltonne nur begrenzte Gültigkeit besitzt. Die nichtessbaren Ingredienzien der Restmülltonne gehören jedoch entweder in die gelbe oder in die blaue Tonne, in den Glas- oder Kleidercontainer, auf die Sperrmüllhalde, in den Batterien-Sammelbhälter oder auf einen einsamen Abhang dicht hinter der polnischen Grenze. Wenn homo sapiens diese einfachen Prinzipien beachten würde, müsste der Haushund nicht den gesamten Tonneinhalt im Vorgarten verstreuen, um mithilfe eines eigens von ihm entwickelten Mülltrennungsverfahrens alles Genießbare herauszufiltern. Spätestens nach dem dritten Vorfall dieser Art weiß der Haushundbesitzer: Genau wie die Biotonne ist auch die Restmülltonne für ihn vollkommen überflüssig.

Sand

Sand ist das, was Menschen sich gegenseitig in die Augen streuen, nachdem sie den Kopf hineingesteckt haben, weil sie beim Bauen darauf wieder einmal nur Spuren in ihm hinterließen. Damit der junge homo sapiens diese Verhaltensweisen so früh wie möglich erlernt, wird er als kleines Kind gleich in eine Sandkiste gesetzt. Dort kann er den Kreislauf aus Errichten und Vernichten studieren, der fortan sein ganzes Leben bestimmen wird. Noch bis ins hohe Alter hinein bucht homo sapiens alljährlich teure Sommerurlaube, um für eine Weile mehr als genug von dem Zeug zu haben, das sonst immer nur als fein rieselnder Faden in obskuren Glasgebilden das unaufhaltsame Verrinnen seiner Lebenszeit versinnbildlicht.
Vielleicht liegt es am hohen Symbolcharakter, das homo sapiens seinen Sand meist sorgfältig gegen den Haushund absichert. Letzteren stört das nicht, weil er diesen Sand schlicht und ergreifend nicht braucht. Weder verscharrt er katzengleich sein Häufchen darin, noch backt er Kuchen, die man nicht essen kann. Auch wird ein Hund seine Zeit nicht damit verbringen, derselben heulend und zähneklappernd beim Vergehen zuzusehen. Soll homo sapiens seine Kinder weiterhin bei Tag in eingezäunten Sandkästen aufbewahren und bei Nacht dem Sandmännchen ausliefern - jedes einzelne Körnchen sei ihm gegönnt. Der Haushund weiß den Luxus von festem Boden unter den Pfoten zu schätzen.

Schule, Hunde

Ein Ort den homo sapiens aufsucht, um sich beibringen zu lassen, wie er mit seinem besten Freund umgehen soll. Während der Haushund durch Röhren kriecht, über Wippen läuft und andere Dinge tut, die der Zweckfreiheit seines Daseins entsprechen, erfährt homo sapiens, dass >>Zuckerbrot und Peitsche<< immer nur als Metapher und niemals wörtlich gemeint war. Er lernt, dass man seinen Willen klar und verständlich ausdrücken soll und sich mit einem geliebten Wesen beschäftigen kann, statt sich mit Leckerlis und Spielsachen von ihm freizukaufen. Zuallererst aber muss homo sapiens begreifen, dass der natürliche Impuls der meisten Säugetiere auf Zusammenarbeit gerichtet ist, wenn man es sich nicht durch Taktlosigkeit und Ignoranz mit ihnen verdirbt.
Angesichts dieses Lehrplans liegt klar auf der Hand, dass eine Hundeschule nicht nur von Hundebesitzern (vgl. -> Besitzer, Hunde), sondern vor allem von Eltern, Lehrern, Politikern, Fußballtrainern, Vorstandsvorsitzenden, Universitätsprofessoren, Kindergärtnern und Chefärzten besucht werden sollte. Jeder verständige Haushund wäre in einem solchen Fall bereit, so lange weiter durch Röhren zu kriechen und über Wippen zu laufen, bis es der Letzte kapiert hat.

Simulant

Ein Simulant ist jemand, der so tut, als wäre er krank. Unter den Menschen gibt es mindestens ebenso viele Exemplare, die Tag für Tag so tun, als wären sie gesund. Der Haushund tut so, als ob er nichts verstünde, und sein Mensch so, als ob er das glaubte. Wer arm ist, verkleidet sich als Reicher, und wer reich ist, behauptet, er wäre arm. Die ganze Welt tut so, als wäre sie ein paradiesischer Ort, wenn nur jene, die darüber zu entscheiden haben, nicht so dumm wären. Wenn nun der Haushund ein bisschen hinkt, weil er sich lieber bedauern lässt, statt im Regen joggen zu gehen, ruft homo sapiens doch tatsächlich aus: >>Ihr Hunde seid die allergrößten Simulanten!<< Und da erst haben wir ihn, den Gipfel der Simulation.

Sitz

1. Möbelstück oder ähnliche Vorrichtung, die homo sapiens zum Sitzen dient. Es gibt Autositze, Hochsitze, Klappsitze, Vorstandssitze, Polstersitze, Sitzpolster, Sitzbänke, Sitzkissen, Sitzecken, Sitzgruppen, Sitzreihen, Sitzblockaden, Sitzplätze und Sitzflächen. Wo homo sapiens nur kann, baut er eine Sitzgelegenheit hin, und ist auf diese Weise ständig von solchen umgeben. Auf zwei Beinen steht es sich anscheinend schlecht.
2. Kurzbefehl, der den Haushund auffordert, auf dem Boden Platz zu nehmen. Ich vermute, dass das in einem so fortgeschrittenen Teil dieses Buches niemanden mehr überraschen wird.

Steuer, Hunde

Eine Art Kirchenzehnter, den der Haushund an die Obrigkeit zu entrichten hat. Im Unterschied zum mittelalterlichen Bauern, der zehn Prozent des erwirtschafteten Getreides abgeben musste, zahlt ein handelsüblicher Mischlingshaushund jährlich mindestens hundert Prozent des eigenen Marktwerts für die bloße Tatsache seiner Existenz. Da der Haushund über kein Geld verfügt, streckt homo sapiens ihm die Steuerbeträge aus eigener Tasche vor. Diese Regelung ist praktikabel und angenehm. Bislang ist kein Fall bekannt, in dem ein Haushund gezwungen wurde, seine Schulden abzuarbeiten.

Tasche, Reise

Seismographische Vorrichtung, an der fachkundige Hunde Art und Ausmaß eines bevorstehenden Unglücks ablesen können. Katastrophenforscher identifizieren zwei Kategorien von Schicksalsschlägen: Homo sapiens verreist mit dem Haushund (Stärke 1 bis 5 auf der Richterskala, vgl. -> Reisen, mit Hund), und homo sapiens verreist ohne den Haushund (Stärke 6 und mehr auf der Richterskala, vgl. -> Reisen, ohne Hund). Dabei ergeben sich zuverlässige Prognoseergebnisse aus dem sogenannten IGI (Inhalt-Größe-Index): Von der Größe einer aus dem Schrank genommenen Reisetasche lässt sich auf die Dauer des geplanten Aufenthalts schließen, während der auf dem Bett vorsortierte Inhalt Einzelheiten über die konkrete Gestalt der Reise verrät. Die richtige Bestimmung des IGI ist eine Sache für Experten. Ein paar Grundkenntnisse der Reisetaschendeutung sollte aber jeder kluge Haushund besitzen. Deshalb folgen hier die sieben wichtigsten Diagnosegesetze, deren Anwendung keine weiteren Vorkenntnisse verlangt.
1. Die Slipformel: Anzahl bereitgelegter Unterhosen minus 1 eingeplante Reserveunterhose = Anzahl der Reisetage.
2. Die Mantelskala: Dicke und Festigkeit des eingepackten Mantels verhalten sich umgekehrt proportional zu den erwartbaren Temperaturen am Zielort. In Verbindung mit der aktuell vorherrschenden Jahreszeit erlaubt die Mantelskala Näherungswerte zu angepeilten Längen- und Breitengrad.
3. Die Oberbekleidung: Fleece-Pullover und knielange Cargo-Hosen mit vielen überflüssigen Taschen, Reißverschlüssen, Haken und Ösen deuten auf eine hundefreundliche Aktivreise mit viel Aufenthalt im Freien hin. Anzughosen oder Kostümjacken legen hingegen einen Schadenswert von mindestens sechs Punkten auf der Richterskala nahe.
5. Schuhwerkanalyse: Eine spezielle, eigentlich nur aus Klettverschlüssen bestehende Sandale, der ein Stück Traktorreifen als Sohle dient, ist ein sicheres Anzeichen für geplante Streifzüge durch die sogenannte -> Natur. Ein positiver Indikator; allerdings ist das sorgfältige Ausschließen von Symptomen des Extremsports geboten (vgl. -> Wandern). Ledersohlen und hohe Absätze hingegen halten sich am liebsten in geschlossenen Räumen auf, meist ohne Begleitung des Haushunds, der selbst nur auf schwarzen Gummistücken steht. Alarmstufe 6.
6. Die Zubehörbestimmung:
a) Badetuch plus Hochliteratur = Strand- und Terrassenurlaub in gemäßigter Klimazone. Entwarnung.
b) Stringtanga, Sonnenhut und Ferienanthologie im Taschenbuchformat = Pauschalurlaub in vorwiegend touristischen Gebieten. Hundeverbot am Pool und Temperaturen bis über vierzig Grad im Schatten.
c) Leinentasche, Bildbände, Photoapparat = Städtereise mit viel Asphalt unter den Pfoten und langweiligen Wartephasen vor Kirchen und Museen.
d) Zelt, Schlafsack, Kanupaddel = Campingfahrt mit Übernachtung im Freien. Abgesehen davon, dass die meisten Haushunde nicht ins Zelt dürfen, besteht Grund zu verhaltener Freude.
e) Laptop, Aktenmappe und Netzteil fürs Handy = Geschäftsreise. Dieser Befund lässt im Normalfall das Schlimmste erwarten. Als kleinstes Übel stehen stundenlanges Ausharren auf der Autorückbank, drastische Reduktion des Spaziergangkontingents und ein gut bewachtes abendliches Büffet auf dem Programm.
7. Das Haushundekriterium: Hier muss nicht auf die Anwesenheit, sondern auf die Abwesenheit bestimmter Gegenstände geachtet werden. Wenn gegen Ende des Packvorgangs keine Anstalten getroffen werden, Leine und Näpfe in die Tasche zu zwängen, und homo sapiens nicht beginnt, abgezählte Portionen aus dem großen Futtersack in eine Plastiktüte zu überführen, kann sofort der Notstand ausgerufen werden. Unverzügliche Rückkehr zur Analysemethode I ist erforderlich: Bei fünf Unterhosen oder mehr droht eine Katastrophe von mindestens acht Punkten auf der Richterskala. Wer jetzt noch nicht -> Buddhist ist, sollte es schleunigst werden.
Zum Umgang mit dem Ernstfall siehe -> Auto, -> Reisen, mit dem Hund, -> Reisen, ohne Hund und -> Stoizismus, und glaube ansonsten fest an die Kraft deiner -> Religion.

Telekinese

Trotz der irreführenden Bezeichnung ist >> Telekinese << kein kleiner, haariger Hund mit platt gedrückter Nase, der sein Leben neben einer grauhaarigen Dame vor dem Fernseher verbringt. Es handelt sich vielmehr um den dritten Dan in der Disziplin des Lass-Falln-Und-Gong, also um einen Leistungsgrad, der noch weit über den Kunststücken der Hypnose rangiert. Ein Großmeister bringt durch reine Verstandeskraft die Käseplatte auf der Kante des Abendbrottischs in Schieflage, so dass Camenbert und Emmentaler wie durch Geisterhand berührt zu Boden klatschen. Mit Telekinese sollte nur umgehen, wer ihr tatsächlich gewachsen ist, da ihre Mechanismen bei falscher Anwendung fatale Auswirkungen auf den Zauberlehrling haben können.

Tierheim

In der Vorstellung des Haushunds etwas wie Dantes Inferno, nur dass im Tierheim siedendes Pech und glühende Zangen durch die Tatsache ersetzt werden, dass sich überhaupt niemand um den armen Sünder kümmert. Wie in allen Höllen kommt man leichter hinein als wieder heraus. Statt eines Cerberus wachen am Eingang wohlmeinende Pfleger, die vor lauter Tierliebe vergessen haben, dass das allerbeste Tierheim der Welt eins ohne Insassen wäre. Ein junger Mensch, zu allem Überfluss Student, der an die Pforten klopft, um einen Haushund zu sich zu nehmen, wird es nicht leichter haben als Orpheus in der Unterwelt. Weil Singen in diesem Fall die Mächte des dunklen Reichs nicht rührt, versucht es der Student mit Theaterspielen. Das einzustudierende Stück heißt >>Überraschender Kontrollbesuch zur Feststellung geeigneter Wohnbedingungen für ein eventuelles Haustier<< und wird vor einem Zwei-Mann-Publikum aufgeführt, das zu hundert Prozent aus Tierpflegern besteht. Als Bühne dient dem künftigen Haushundbesitzer die eigene Behausung, an der zu diesem Zweck einige Umbaumaßnahmen vorzunehmen sind. Mitbewohner, Besucher und andere Schmarotzer werden ausquartiert, leere Flaschen zum Container gebracht und Möbel umgeräumt, bis sich die coole Altbauetage in eine bürgerliche Mehrraumwohnung verwandelt hat. Eine Kommilitonin übernimmt die zweite Hauptrolle als glückliche Hausfrau, die den Sinn ihres Lebens darin sieht, sich von morgens bis abends um einen Hund zu kümmern. Gelingt die Aufführung des Stückes trotz der Fangfragen (>>Sie wollen Kinder? Werden diese Kinder Ihre Aufmerksamkeit nicht von dem gewünschten Haustier ablenken?<<), wird der Hund möglicherweise freigegeben. Anderfalls verbleibt er in seiner Zwei-Quadratmeter-Zelle, in der er nach Meinung der Tierheimbetreiber besser aufgehoben ist als in einer Chaos-WG. Schließlich soll es der Hund später einmal besser haben als seine Pfleger.
Auch wenn er zu den Glücklichen zählt, die das Tierheim eines Tages verlassen dürfen, wird ihn sein Lebtag eine düstere Erkenntnis quälen: Hölle und Paradies lagern Wand an Wand. Sein neuer Besitzer weiß davon nichts. Er steht ahnungslos daneben, wenn der Hund im Schlaf herzzerreißend quiekt und mit den Pfoten zuckt. Die aus dem Tierheim, erzählt er seinen Freunden und Bekannten, sind einfach am dankbarsten.

Trockenfutter

Nüsse, Brötchen, Nudeln, Rosinen, Feigen (getrocknet), Haferflocken, Reis, Cous-Cous, Graubrot, Schwarzbrot, Weißbrot, Vollkornbrot, Brot auch in Krümeln, Cornflakes, Nüsse (hatte ich schon) und natürlich Kekse. Siehe auch -- > Omnivor sowie -- > Kuchen, Hunde.

Underdog

Ein Wesen, das, notorisch underdressed, am liebsten undercover im Underground lebt und als overstyled betrachtet, was andere für Understatement halten. Der Unterhund ist somit kein Hund. Letzterer ist stets tadellos gekleidet, liebt das Leben auf dem Präsentierteller und hasst Anglizismen. Da aus menschlicher Sicht jeder dog von Natur aus under ist, wäre die heuchlerische Tautologie ebenso wenig nötig gewesen wie eine Übersetzung ins Englische.
Was folgt aus alldem? Der Underdog ist ein homo sapiens, der ein Hund ist, weil er seit Abschaffung des Übermenschen nicht mehr Untermensch genannt werden darf. Die Tatsache, dass es seit kurzem auch Topdogs gibt, ist kein Anzeichen für einen Bewusstseinswandel, sondern Ergebnis eines mäßig raffinierten Sprachspiels. Wie meine Urgroßmutter, die ich nie kennen lernen durfte, wahrscheinlich zu sagen pflegte: >>Ob top oder under, Hauptsach' miteinander.<< Und das ist doch schön.

Understatement

Angeborene, nichtsdestotrotz weltanschaulich untermauerte Geisteshaltung des Haushunds. Umgangssprachlich: gezieltes Sich-dumm-Stellen. Für das Understatement gibt es zwei gute Gründe. Zum einen verlangt die -> Rangordnung, dass homo sapiens in jedem Augenblick den Eindruck hat, sein Haustier sei dümmer als er - ein Gefühl, das beim Menschen nicht unwichtig ist als Voraussetzung für die Liebe (vgl. -> Liebe, wahre). Zum anderen hat Understatement wiederum mit dem Schweigegelübde des Haushunds zu tun. Wer einen Apfel von einer Birne unterscheiden kann, wird einkaufen geschickt. Wer verlorene Schlüsselbunde aufspürt, wird sie ständig suchen müssen. In diesem Sinn, rennt der Haushund nach links, wenn homo sapiens nach rechts zeigt. Understatement means wealth oder, mit dem Buch der Bücher gesprochen: Selig sind die geistig Armen. Vgl. hierzu auch -> Vorwort, -> Comic-Hunde, Rantanplan.

Ungeziefer

Haustiere vom Haustier. Sie fressen viel, machen Dreck, zahlen keine Miete, und je mehr in der Nähe sind, desto häufiger muss man sich kratzen. Wie der Mensch ein Floh Gottes ist und der Hund ein Floh des Menschen, so ist der Floh der Floh des Haushunds. Selbst hierauf hat die Pharmaindustrie eine Antwort, die sie sich teuer bezahlen lässt. Die Massenvernichtungswaffe heißt >> Frontline <<, beinhaltet ein Nervengift und macht bei regelmäßiger Anwendung die Entsendung von Bodentruppen mit Zeckenzange und Flohkamm völlig überflüssig. Wie an allen Fronten des 21. Jahrhunderts zählt auch auf dem Rücken des Haushunds nicht personelle, sondern technische Überlegenheit. Wollen wir hoffen, dass Flöhe keine Atombomben bauen. Und dass wir nicht als Nächstes eine Wurmkur namens >> humanitäre Intervention << benutzen müssen.

User, dümmster anzunehmender

Der Dümmste Anzunehmende User (DAU) stellt eine Personifikation minimalisierter Erwartungshaltungen beim Umgang mit anderen Wesen dar. Sagt beispielsweise homo sapiens zu seinem Haushund >>Pfui böse pfui böse<< anstatt: >>Es scheint mir nicht besonders appetitlich, gebrauchte Taschentücher am Straßenrand aufzulesen und zu verspeisen<<, so spricht er mit dem DAU (vgl. -->Pfui). Führt der Haushund einen Bodycheck durch, der homo sapiens in die geöffnete Kühltruhe wirft, anstatt höflich vor der leeren Futterschüssel mit dem Schwanz zu wedeln, kommuniziert auch er mit dem DAU. Das Akronym scheint im Übrigen auch für >>Demokratisches Arbeits-Umfeld<< zu stehen. Weil das demokratische System niemanden ausgrenzen will, glaubt es, zu jedem Zeitpunkt mit dem KGN (Kleinster Gemeinsamer Nenner) kalkulieren zu müssen. Deshalb sind BILD und RTL, was sie eben sind, und deshalb steht bald auf jeder Keksrolle, dass die Verpackung nicht zum Verzehr geeignet ist. Solange man für DAU und KGN noch nicht bei der Bundestagswahl stimmen kann, besteht eigentlich kein Grund zu gesteigerter Sorge. Trotzdem sollte jeder homo sapiens der von seinem Haushund angebellt wird, einmal darauf achten, was dieser eigentlich ruft: >>Wau, wau, wau<< oder >>DAU, DAU, DAU<< ?

Verhaltensforschung

Affen haben Finger an den Händen, Zehen an den Füßen und einen beinahe aufrechten Gang. Kein Wunder also, dass homo sapiens als alter Anthropozentriker jahrzehntelang seinem nächsten Verwandten lukrative Nebenjobs verschafft, die darin bestehen, Hebel an Futterbehältern umzulegen, rote Türchen von blauen Türchen zu unterscheiden und menschliche Gesten zu interpretieren. Dem Hund blieb die wissentschaftliche Aufgabe vorbehalten, aus dem Maul zu triefen, wenn er ans Abendessen denkt (vgl. Pawlow, Iwan Petrowitsch). Bis zu jenem Tag, da ein Haushund mit seinem Protest gegen die akademische Ignoranz und die Primatenversessenheit der Menschen an die Öffentlichkeit ging.
In der 114. Sendung von >>Wetten, dass?<< wählte Kollege Rico fehlerlos aus 77 Gegenständen jeweils denjenigen aus, der ihm zuvor genannt worden war. Danach hatten die Verhaltensforscher des Max-Planck-Instituts Leipzig keine Lust mehr, Würste auf dem Boden auszulegen. Die Freude darüber, dass ein Hund erst klaut, wenn sein homo sapiens nicht hinguckt, war verflogen (vgl. ->Planck, Max). Eine Testreihe mit Rico ergab, dass ein Haushund bis zu 200 Begriffe der menschlichen Sprache behalten kann und sie sogar eigenständig aufgrund von Transferleistungen erlernt. Nun gilt Rico als Wunderhund, bloß weil niemand kapiert, dass nur die Dummen ins Fernsehen kommen, während die wirklich Klugen die Klappe halten. So ist es immer: Über Generationen hinweg erzieht sich eine Gemeinschaft zu Mäßigung, freiwilliger Selbstbeschränkung und Bewahrung althergebrachter Werte. Dann kommt einer, der berühmt werden will, und alles geht zum Teufel. Wenigstens hat Rico erkannt, dass er nicht gleich Ovids Metamorphosen in lateinischer Sprache hersagen muss, um bei einer Spielshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu gewinnen.
Das nunmehr staatlich anerkannte Sprachkontingent von rund 200 Wörtern wird in diesem Lexikon vorgestellt und erläutert. Danach sind aber wieder andere Tiere an der Reihe. die Delphine sollen endlich auf einem Rechenschieber die Wurzel aus 4 ziehen. Und die Schimpansen können ihre vielen Finger und Zehen dazu verwenden, den Flohwalzer auf dem Klavier zu lernen. Vierhändig mit sich selbst. Die Verhaltensforscher werden begeistert sein.

Verkauf

In der Welt von homo sapiens kann man alles kaufen und verkaufen außer homo sapiens selbst, und auch die Festlegung dieser Ausnahme hat die Menschheit ein paar Hundert Jahre Arbeit am Selbstbild gekostet. Homo sapiens neigt dazu, ausgerechnet jene Dinge, die sein Wesen am eindeutigsten bestimmen, als anstößig zu definieren, so dass er die Ökonomisierung seines gesamten Lebensraums munter vorantreiben und gleichzeitig die Käuflichkeit der Welt beweisen kann. Der Haushund als Besitzloser hat ein entspanntes Verhältnis zum Geld. Für mich wurde vor elf Jahren ein Kaufpreis von 80 D-Mark bezahlt, was bei meinem damaligen Gewicht dem Kilogrammpreis einer durchschnittlichen Teewurst entsprach. Ich kann mich rühmen, den Gegenwert dieser Summe bereits nach vier Wochen in Form von Welpenkost verschlungen zu haben. Anders als homo sapiens, der seine persönliche Geltung gern in den Kategorien des ökonomischen Nutzens formuliert, beweist der Haushund seinen Wert durch eine bis ins Äußerste gesteigerte Unrentabilität. Wer so viel frisst, absolut nichts abwirft und trotzdem gemocht wird, muss etwas Besonderes sein. Diese Einstellung ist logisch, bequem und von Dauer. Dass ein ausgewachsener Haushund von seinem homo sapiens weiterverkauft wird, kommt ohnehin so gut wie nie vor. Der Verkäufer würde die Kohle nicht reinholen, die das Vieh in den vergangenen Jahren gekostet hat. Außerdem würde es ihm das Herz zerreißen. Und hinter diesem Umstand verbirgt sich der älteste Trick der Arterhaltung jenseits allen ökonomischen Nutzens.

Vitamine

Nützliche kleine Dinger, die meist dicht unter der Schale sitzen, weshalb der Haushund aus gesundheitlichen Gründen seine Wurst am liebsten mit der Verpackung frisst, ohne dabei Verständnis von Seiten seines Menschen zu erwarten.

Vokal

Stimmlicher Laut, bei dem die Atemluft ungehindert ausströmt und der von jedem Haushund problemlos erzeugt werden kann. Mal abgesehen vom grundsätzlichen Willen fehlt es dem Hund zum Sprechen eigentlich nur an einer beweglichen Kehlkopfmuskulatur, was sich mit ein bisschen Training sicher ausgleichen ließe. Der Vorteil einer rein vokalischen Sprechweise ist aber erstens, dass man beim Reden nicht spuckt, und zweitens, dass man vom Menschen nicht verstanden wird. Der hiesige homo sapiens ist ein Konsonantenfetischist und kann bei durchschnittlicher Intelligenz sogar völlig vokalfrei verfasste Texte lesen. Auf der anderen Seite braucht er wenigstens eine Handvoll Mitlaute, um beispielsweise die Äußerung >>des woas i aa ned<< erfolgreich als >>das weiß ich auch nicht<< zu identifizieren. Begrüßt ihn sein Haushund mit den Lauten >>O-aaa-uu-oh-aaah<<, versteht er diese folglich nicht als >>wo warst du so lang?<<, weshalb die Frage auch selten erschöpfend beantwortet wird. Es sei jedem Haushund empfohlen, sich bei nicht zu unterdrückenden Äußerungen auf das Vokalische zu beschränken. Von den Bayern lernen heißt manchmal siegen lernen. Wea ko, dea ko.

Wandern

Das Wandern ist des Müllers Lust. Insofern haben Müller und Haushund etwas gemeinsam. Zu beachten ist die gebotene Trennschärfe zwischen dem Terminus >>Wandern<< und den Begriffen >>Hiking<<, >>Trekking<<, >>Free-Climbing<<, >>Power-Walking<<, >>Himalaja-Besteigung<< und >>Zu-Fuß-nach-Moskau-Going<<. Homo sapiens hat immer wieder unter Beweis gestellt, dass seine Gattung zu Übertreibungen neigt. Normalerweise schaut sein ältester Begleiter dabei in sorgenvollem Schweigen zu. Seit aber die Fun-Society auf den Trip verfallen ist, ihre Kicks in Extremsportarten zu suchen, hängt ein homo sapiens, der einfach nur Wandern gehen wollte, schnell mal mit oder ohne Seil an der Unterkante der nächstbesten Felsnase und kennt auch noch ein englisches Wort dafür. Hier ist für den Haushund eine natürliche Grenze erreicht. Er sollte deutlich zum Ausdruck bringen, dass eine Leine der Sicherheit des Menschen vor der Bösartigkeit des Hundes dient und nicht etwa dem Abseilen des Lieblingshaustieres von einem Steilhang. Um seinen homo sapiens zur Vernunft zu bringen, marschiert ein didaktisch versierter Haushund in Lederhosen und festem Schuhwerk, mit Rucksack auf dem Rücken und Gamsbart am Hut vor dem Ausgangspunkt einer höchstens mittelschweren Wanderroute auf und ab, bis der Mensch die Anspielung begriffen hat und sich an seine Wurzeln erinnert. Falls das nicht klappt, bleibt immer noch die Möglichkeit, eine im Backenzahn versteckte Zyankalikapsel zu zerbeißen.

Warten

1. Ein vermutlich ziemlich langweiliges Dorf in den Niederlanden.
2. Zustand, in dem der Geist sich auf ein Ereignis richtet, das in naher oder ferner Zukunft bevorsteht. Wie der selbst ernannte Praxiloge und Lebensmanagementberater Otto Buchegger in seinem Werk zu berichten weiß:* Zeit ist Geld, Warten macht arm und treibt ganze Volkswirtschaften in den Ruin. Kein Wunder, dass der Kommunismus untergegangen ist.
Ungeachtet dessen wartet ein Haushund ununterbrochen auf seinen homo sapiens. Aus menschlicher Sicht ist Warten die natürliche Seinsform eines rangniederen Wesens. Über der Tatsache, dass er damit Recht hat, vergisst homo sapiens gern, dass auch sein Dasein mit Warten vergeht und nur im Rückblick aus einer nahtlosen Kette von Ereignissen zu bestehen scheint. Sogar während homo sapiens auf den Bus wartet, wartet er gleichzeitig auf das Wochenende, einen Lottogewinn oder bessere Zeiten, auf die große Liebe, den Frühling und wahrscheinlich auf das Glück. Im Gegensatz zum Haushund haben die meisten Menschen in ihrem transzendentalen Obdachlosenheim namens Marktwirtschaft kein Herrchen mehr und müssen sich selbst überlegen, worauf sie warten wollen. Warten ohne Worauf nennt man Depression - eine Krankheit, vor der ein Haushund weitgehend sicher ist. Diesen Zusammenhang nicht zu begreifen gehört zu den psychologischen Fundamenten unserer höchsten terrestrischen Intelligenzform. Andernfalls würde homo sapiens den Haushund nicht anschnauzen, wenn er beim Schnuppern an der Ecke mal etwas länger braucht, sondern wäre dankbar dafür, dass jemand seinem Warten eine Richtung gibt.

*Otto Buchegger, Aber warum hat mir denn das niemand früher gesagt?, Books on Demand,2000.

Wasser

Das rätselhafteste aller Elemente. Füllt es nach einer langen Wanderung den Napf, schmeckt es besser als Single Malt von 1974. Kommt es in größeren Mengen vom Himmel, schütteln wir den Pelz und finden, dass homo sapiens heute allein spazieren gehen kann. Liegt es schön schlammig in einer Pfütze am Boden, wälzen wir uns darin. Kommt es lauwarm aus der Duschbrause, veranstalten wir ein Theater, als stünde eine Hinrichtung ohne Schuldspruch bevor. Schwappt es in der Nordsee herum, hüpfen wir stundenlang am Strand hin und her. Spritzt homo sapiens uns beim Geschirrspülen eine Handvoll ins Gesicht, rennen wir weg. Befindet es sich vier Meter unter uns am Fuß einer steilen Kaimauer, wollen wir unbedingt, und ich meine: unbedingt baden. Diese Liste ließe sich fortsetzen - und sie betrifft erst einen Aggregatzustand. Wirklich, ein ganz sonderbares Element.

Wau-wau, süßer

Ein Kind, das dermaßen anderweitig befähigt ist, dass es das simple Wort >>Hund<< nicht aussprechen kann, wird auch niemals in der Lage sein, ein hoch intelligentes Haustier zu halten und mit ihm zu kommunizieren. Deshalb kann die Bedeutung dieses babysprachlichen Terminus getrost im Dunkeln bleiben.

Witz

Treffen sich zwei Hunde. Sagt der eine: >>Ich bin adlig. Ich heiße Hasso von Herrenhausen.<< Darauf der andere: >>Ich bin auch adlig. Ich heiße Runter vom Sofa.<<
Keine Ahnung warum, aber ich könnte mich jedes Mal wieder darüber kaputtlachen.

Xoloizcuintle

Vgl. -> Yorkshire Terrier.

Xenophobie

Die Furcht vor dem Fremden. Neben ihrer kulturellen Herkunft, die sich mit der Formel >>Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht<< beschreiben ließe, wird der Fremdenfeindlichkeit auch eine biologische Komponente nachgesagt. Ihre Gründe sollen im Verhalten von Tieren liegen, die das eigene Territorium gegen Eindringlinge verteidigen. Dieser Versuch, dem Anzünden von Asylantenheimen einen tierischen Ursprung zu verleihen, kann einen Haushund nur amüsieren. Immerhin geht jeder durchschnittliche Haushund einmal im Leben zwecks Vitamin-K-Behandlung zum Tierarzt, weil er am liebsten frisst, was er nicht kennt - auch das rosafarbenen Pulver an der Kanalböschung. Zum Verbellen von Fremden an der Haustür ist der normale Hund zu faul und rafft sich nur dazu auf, weil sein Mensch sich darüber freut. Mit pluralistischer -> Euphorie begleitet er homo sapiens in exotische Urlaubsgebiete, und nicht zuletzt hilft er seinem -> Besitzer sogar bei der Überwindung von Kontaktscheu gegenüber Fremden. Noch der schrulligste Hundehalter hat im Gespräch über Futtermittelsorten am Rand der Hundewiese Freunde fürs Leben gefunden (vgl. -> Wiese, Hunde). Deshalb empfiehlt es sich, biologistische Erklärungsmodelle dieser Art gepflegt zu übersehen und sich weiterhin an die Grundsätze des weltumspannenden Haushundfriedens zu halten:
1. Schwanzwedeln ist Schwanzwedeln. Der Haushund kennt kein Babel.
2. Jeder hat seinen eigenen Gott. Der Haushund kennt keine Religionskriege.
3. Die Kirschen in Nachbars Garten haben noch immer am besten geschmeckt.

Xerographie

Der Vervielfältigungszwang ist jedem Wesen wohl bekannt. Selbst Gott formte Menschen nach seinem Bilde, in jedem Künstler steckt ein kleiner Pygmalion, die moderne Gentechnik liebäugelt mit dem Klon, und wer nichts anderes kann zeugt Kinder. Der gemeine Haushund hat diesbezüglich ein Problem, wenn er nicht gerade >>Black Zorro von der Holzheimer Rehtränke<< heißt und zur Zucht eingesetzt wird. Der Besitzer einer reinrassigen Beatrice verjagt den Mischlingsrüden mit Wasserwerfern und Senfgas, wenn er versucht, seiner Angebeteten zu nahe zu treten. Die Pille für den Haushund hat sich noch nicht durchgesetzt, und wer bei Vergewaltigungsspielchen auf der Hundewiese sein Glück versuchen will, muss es mit den üblichen Verdächtigen aufnehmen können. Für alle, die eine Hunde-Dolly aus ethischen Gründen ablehnen, hat ein kluger Wissenschaftler das Verfahren der Trockenkopie erfunden. Bei dieser Prozedur legt sich der Haushund flach auf eine Kopiermaschine und bittet homo sapiens, den Deckel zu schließen und auf die grüne Taste zu drücken. Was dabei herauskommt, entspricht weder der intellektuellen Wunschvorstellung von einem würdigen Nachfahren, noch befriedigt es das instinktive Verlangen nach Vervielfältigung. Aber das Ergebnis kann einem an homo sapiens gerichteten Antrag auf Hilfe bei der Fortpflanzung beigelgt werden. Auch wenn kein Fall bekannt ist, in dem das Früchte getragen hätte.

Xylophon

Begriff, der in jedem Kinder-Alphabet den Buchstaben >> X << durch Abbildung eines asiatischen Schlaginstruments versinnbildlicht. Mit dem Haushund hat das eigentlich nichts zu tun.

Yeti

Einen Yeti erkennt man am langen, zotteligen Fell, an seinen Hängeohren, den ungewöhnlich großen Füßen und der auffälligen Nase. Obwohl diese Beschreibung exakt auf mich zutrifft, besteht zwischen dem Yeti und mir ein wesentlicher Unterschied: Ihn gibt es nicht, mich schon. Trotz dieses Gattungsvorsprungs stellt es kein Vergnügen dar, mit angeborenen Schneeschuhen auf die Welt zu kommen, an deren Haarfransen im Winter die Eisklumpen hängen bleiben, bis man durch den Wald hinkt, als hätte man Kieselsteine zwischen den Zehen. Trotzdem laufe ich immer noch lieber im Bergaffen-Kostüm durch europäische Großstädte, als den leberwurstarmen Himalaja zu durchstreifen und womöglich hinter irgendeiner Felsnase auf Reinhold Messner zu treffen. Gäbe es die Legende vom Yeti noch nicht - in einem solchen Moment würden wir sie beide gleichzeitig erfinden.

Yoga

Die aufgeweckte Weltpresse weiß zu vermelden, dass fettleibige Amerikaner ihre fettleibigen Haushunde seit neuestem gern mit ins Fitnesscenter nehmen. Damit das Hygiene-Amt nicht gleich den ganzen Sportpark sperrt, haben die Turnväter eine Kurve in den Zweck-Mittel-Zusammenhang gebogen und ein neues Zauberwort erfunden: Doga, das yoga for dogs. Wie ein schnell vom Himmel gefallenes Fachbuch¹ erkennt: Hunde waren immer schon Yogis by nature, was wohl daran liegt, dass sie die Zunge erheblich weiter herausstrecken können als homo sapiens und im Limbo einen zwanzig Zentimeter hohen Jägerzaun unterqueren, weil sie zu faul sind zum Springen. Jetzt erst lernt der Haushund, was der >>Baum<<, an dem er friedlich sein Bein zu heben pflegte, tatsächlich ist: nämlich eine gymnastische Figur. Der Hund wird lang gezogen und zusammengeknüllt, erhält Ohrmassagen und fliegt auf den ausgestreckten Armen seines -> Besitzers durch die Luft. Kein Wunder, dass den Kommentatoren des deutschen Sprachraums bei dieser Vorstellung die Häme aus den Mundwinkeln fließt. Wer das Ganze aber für Tierquälerei hält, hat das Wichtigste nicht verstanden: Der Haushund mag es, wenn homo sapiens auf dem Boden sitzt und sich mit ihm beschäftigt - egal, ob er Streicheln, Spielen oder Doga dazu sagt. Und die Photos, auf denen Haushundbesitzer gemeinsam mit ihren Bullterriern im Central Park kopfstehen, sind den Doga-Einzelstundenpreis von bis zu 200 Euro wirklich wert. Jedenfalls aus Sicht des Betrachters.

1 Jennifer Brilliant, William Berloni, Doga: Yoga for Dogs, Chronicle Books, 2003.

Yorkshire Terrier

Es gibt nicht viele Wörter mit Y - >>Yorkshire Terrier<< ist eins davon. Seit man diese Laufperücken nicht mehr zur Rattenjagd einsetzt, kommen sie mit Schleifchen auf dem Kopf zur Welt und werden einzig zu dem Zweck gezüchtet, einem vernachlässigten Buchstaben Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. In diesem Zusammenhang erschließt sich auch die Existenzberechtigung des -> Xoloizcuintle. Vielleicht könnte man den >>Chihuahua<< noch in >>Quihuahua<< umbenennen. Der Name entspräche immer noch dem Geräusch, das er von sich gibt, wenn man auf ihn tritt, und würde zudem einen weiteren bedrohten Buchstaben vor dem Aussterben retten. Unter Gottes weitem Himmel hat doch jedes Wesen einen Sinn.

Zeh, Juli

Homo sapiens eines bedeutenden Haushunds, der im Jahr 1993 in der Nähe von Bonn geboren wurde, Jura in Passau und Leipzig studierte und das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig besuchte. Auf diese Weise gebildet, unterstützte besagter Haushund die Fertigstellung zweier Romane, einer Reiseerzählung über Bosnien-Herzegowina und einer Abhandlung über Recht zum Beitritt in die Europäische Union. Veröffentlichte im Jahr 2005 ein bahnbrechendes semasiologisches Standardwerk, in dem erstmalig der Bedeutungsgehalt von lexikalischen Einheiten, die durch homo sapiens und Haushund gleichermaßen verwendet werden können, verbindlich geklärt wurde. Lebt in Frieden, Freuden, Krakau und Leipzig, weiterhin auf Sylt, auf der Autorückbank, unterm Schreibtisch und neben dem Bett. Besondere Kennzeichen: Abgesehen von seiner beträchtlichen Intelligenz - keine, auf die er stolz wäre. Hobbys: Denken, Nachsinnen, Reflektieren, visionäre Voraussicht, Durchblick, Spazierengehen, Philosophieren und eiweißhaltige Nahrungszufuhr zur Unterstützung der Hirntätigkeit. Neben ihren üblichen Funktionen als Mensch leistet Juli Zeh überdurchschnittliche Dienste als Sekretärin, Fahrerin, Lebensmittellieferantin, Moderatorin eines sechzehnfüßigen Haushalts und Mäzenin der hündisch-künstlerischen Selbstentfaltung und soll deshalb an dieser Stelle besonders erwähnt werden. Hiermit.

Zierpflanze

Kollegin aus der Flora, dem gemeinen Haushund geistesverwandt: beschäftigungslos, dekorativ, geruchsintensiv. Und wenn homo sapiens nicht da ist, guckt sie aus dem Fenster.

Zucht

Vor vielen Jahren hat homo sapiens sich selbst ein Buch geschrieben, in dem er nachlesen kann, dass er Chef auf diesem Planeten ist und sich die Erde untertan machen soll. Weil der Mensch keine Sprache außer der eigenen versteht, hält er seine selbst geschaffene Position für unangefochten. Sie berechtigt ihn unter anderem dazu, Mitgeschöpfe zwar nicht nach seinem Bilde, wohl aber nach seinen utilitaristischen und ästhetischen Vorstellungen zu formen. Deshalb repräsentiert der gemeine Haushund in optischer ( und nur in optischer!) Hinsicht die Sprunghaftigkeit, Unentschlossenheit und Inkonsequenz des menschlichen Charakters. Ein Chihuahua hat mit einem Mastiff ebenso viel zu tun wie die Irakpolitik der Amerikaner mit der Charta der Menschenrechte. Welche andere Tierart könnte sich rühmen, dass ihre Vertreter entweder fünfhundert Gramm oder neunzig Kilo wiegen, spitze oder flache Schnauzen, stehende oder hängende Ohren, langes, kurzes oder gar kein Fell besitzen und trotzdem alle derselben Spezies angehören? Wer einmal mit angesehen hat, wie ein Yorkshire Terrier versucht, eine Berhardinerdame zu besteigen, wird sich nicht weiter darüber wundern, dass sich homo sapiens im Rahmen der Bioethik-Debatte vehement gegen die Idee der Menschenzucht zur Wehr setzt. Mischlinge werden übrigens älter und haben den besseren Charakter, aber ich glaube, das erwähnte ich bereits.

 

(Kleines Konversationslexikon für Haushunde, Juli Zeh)

 

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